Währungsrisiken und steigende Zinsen
Türkei-Anleger sind nervös

Noch vor wenigen Wochen waren die meisten Analysten am Bosporus positiv gestimmt für türkische Dividendentitel: Nach starken Kursverlusten im Mai und Juni locke die Istanbuler Aktienbörse wieder mit attraktiven Bewertungen, meinten die Marktbeobachter mehrheitlich. Doch inzwischen beginnt sich die Stimmung wieder einzutrüben.

ISTANBUL. Vergangene Woche verlor der Istanbuler Leitindex ISE National 100 fast fünf Prozent. Gestern gab das Kursbarometer rund ein Prozent nach. Für ausländische Türkei-Anleger war die Wochenbilanz noch schlechter, weil auch die Landeswährung Lira gegenüber dem US-Dollar fast vier Prozent abwertete.

Schon im Frühjahr zeigte sich, dass die Istanbuler Börse empfindlicher als die meisten anderen Schwellenmärkte auf die Zinserhöhungen im Dollar- und Euroraum reagiert. Die Gründe dafür lagen vor allem in der wieder anziehenden türkischen Inflation, der überbewerteten Lira und dem ausufernden Leistungsbilanzdefizit. Dass nun offenbar immer mehr Anleger am Bosporus kalte Füße bekommen, dürfte in erster Linie mit den dunklen Wolken zu tun haben, die am politischen Horizont der Türkei aufziehen: Die EU-Beitrittsperspektive, die in den vergangenen Jahren für Kursphantasie sorgte, verfinstert sich zusehends. Am 8. November will die Brüsseler Kommission ihren jüngsten Fortschrittsbericht vorlegen. Er dürfte herbe Kritik an fortbestehenden Demokratie-Defiziten und erlahmendem Reformeifer in der Türkei enthalten. Womöglich kommen die vor einem Jahr aufgenommenen Beitrittsverhandlungen in Kürze zum Stillstand, weil Ankara die Anerkennung des EU-Neumitglieds Zypern verweigert. Erweiterungskommissar Olli Rehn warnte bereits vor einem drohenden „Frontalzusammenstoß“. Überdies stehen im kommenden Frühjahr Präsidenten- und im Spätherbst Parlamentswahlen an. Damit könnten sich die Konflikte zwischen den Islamisten um Ministerpräsident Tayyip Erdogan auf der einen und dem kemalistischen Establishment sowie der Armee auf der anderen Seite in den kommenden Monaten weiter zuspitzen. Das Land steht also vor einer langen politischen Zitterpartie.

Andererseits sind die makroökonomischen Rahmenbedingungen keineswegs schlecht. Das Wirtschaftswachstum dürfte 2006 erneut die von der Regierung bei fünf Prozent angesetzte Zielmarke übertreffen. Im ersten Halbjahr legte das Bruttoinlandsprodukt um 7,5 Prozent zu. Die Regierung hat den Haushalt im Griff, die Defizitquote dürfte in diesem Jahr unter zwei Prozent fallen. Profitieren könnte die Türkei auch von der Entspannung beim Ölpreis: „Fällt der Rohölpreis um zehn Dollar, würde das die türkischen Energieimporte aufs Jahr gerechnet um 4,2 Mrd. Dollar und die Leistungsbilanz um 3,5 Mrd. entlasten“, rechnet der Volkswirt Serhan Cevik vor, Türkei-Experte bei Morgan Stanley. Die im Frühsommer hochgeschnellte Inflation scheint ebenfalls wieder auf dem Rückzug: Nach 11,7 Prozent im Juli fiel sie im August auf 10,3 Prozent. Wirtschaftsminister Ali Babacan hält an seinem Inflationsziel von vier Prozent für Ende 2007 fest, der Internationale Währungsfonds (IWF) setzt in seinem jüngsten Türkei-Gutachten im Jahresmittel eine Teuerungsrate von 7,2 Prozent an. Die türkische Zentralbank, die seit Anfang Juni die Leitzinsen in drei Schritten um 425 Basispunkte anhob, sieht allerdings noch keine dauerhafte Entwarnung an der Preisfront und unterstreicht, sie werde „auf die kleinste negative Entwicklung bei der mittelfristigen Inflation empfindlich reagieren“. Am heutigen Dienstag steht die nächste Zinsentscheidung des Zentralbankkomitees an.

Zinsängste, Währungsrisiken, politische Unsicherheit: Es gibt viele Gründe für Nervosität am Istanbuler Aktienmarkt. Denkbar, dass viele Anleger, die seit dem Krisenjahr 2001 Gewinne von immerhin rund 400 Prozent erzielen konnten, ihre Schäfchen nun erst einmal ins Trockene bringen.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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