Wie Aktienmärkte auf Bundestagswahlen reagieren
Politische Börsen haben lange Beine

Da sage noch einer, politische Börsen hätten kurze Beine. Sie können gar nicht länger sein! In der 60-jährigen Nachkriegsgeschichte hat sich eine klare wie simple Börsenregel herauskristallisiert: In sozialdemokratisch geführten Regierungen fallen oder stagnieren die Kurse. Und sie steigen, wenn Konservative das Sagen haben.

DÜSSELDORF. Regel zwei gleich hinterher: Die Wahlen selbst haben eher einen negativen Einfluss auf das Aktiengeschehen – auch wenn die Gegenwart zunächst anderes vermuten lässt. Doch die große Ausnahme heißt: Kommt es zu einem politischen Wechsel, steigen die Kurse. Dies noch mehr, wenn die Macht der Linken auf die Rechten übergeht. Hier schlägt Börsenregel eins zu.

Insofern könnte Kanzlerin in spe Angela Merkel viel mit Helmut Kohl, Konrad Adenauer und Otto von Bismarck gemeinsam haben. Als sich nämlich der konservative „Eiserne Kanzler“ 1871 anschickte, das geeinte Deutschland nach dem gewonnenen Krieg gegen Frankreich zu regieren, gewannen die Aktienkurse in den ersten neun Nachwahlmonaten 36 Prozent. 78 Jahre später verdoppelten sich die Kurse gar binnen vier Monaten, als Adenauer und seine noch junge CDU die erste Bundestagswahl gewannen. Solch heftige Kurssprünge gab es anschließend nur noch einmal: Mehr als ein Drittel legten die Aktienkurse zu, als Kohl nach dem Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt die Bundestagswahl 1983 souverän gewann.

„Die größte Spekulation der Welt ist es, einen Politiker zu dem Wert einzukaufen, den er hat, und ihn zu dem Wert zu verkaufen, den er sich selbst einräumt.“

André Kostolany

Tristesse dagegen in fast allen übrigen Wahljahren. Weder die vielen und wechselvollen Plebiszite in der Weimarer Republik, noch die zwölf übrigen Abstimmungen im Nachkriegsdeutschland vermochten die Börsianer groß zu beeindrucken. Am positivsten stechen noch die 15-prozentigen Kurszuwächse nach der Wiederwahl Adenauers 1953 und bei der rot-grünen Machtübernahme 1998 hervor. Ersteres war wohl weltweite Erleichterung, dass die westdeutschen Wähler nach dem gerade niedergeschlagenen Volksaufstand in der DDR keine Experimente wagten. Und letzteres war schließlich ein Wechsel. Da laufen die Börsen immer gut.

Auffällig ist die unterschiedliche Kursentwicklung in christdemokratisch und sozialdemokratisch geführten Regierungen. Während der 16-jährigen Kohl-Regentschaft kam der Deutsche Aktienindex (Dax) Jahr für Jahr auf durchschnittlich 15 Prozent. Schröder schaffte nicht einmal ein Prozent per anno. Und als ob die Schmach noch nicht groß genug wäre: Der Kanzler verdankt sein mageres Plus allein seiner überraschenden Neuwahl-Ankündigung nach der SPD-Niederlage in Nordrhein-Westfalen. Ohne diesen Coup – die Märkte wetten auf seine Abwahl – ist Schröders Dax-Performance seit 1998 negativ.

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