Wie die vorgezogene Bundestagswahl den deutschen Aktienmarkt beflügelt
Deutschland drückt aufs Tempo

Das gibt es an den Börsen nur ganz selten: Ein innenpolitisches Ereignis sorgt für dauerhaften Schwung an den Aktienmärkten. Analysten im In- und Ausland sind sich aber sicher, dass der Coup des Kanzlers, am 18. September wählen zu lassen, den Stimmungs- und Kursumschwung an der deutschen Börse rechtfertigt.

HB DÜSSELDORF. Allein, dass sich fast jede Investmentbank mit dem Thema Neuwahl und Börse auseinander setzt, zeigt die Bedeutung und lenkt den Blick auf Deutschland. Unisono machen die Experten im In- und Ausland eine große „Reformphantasie“aus, also die Hoffnung auf strukturelle Veränderungen, die bereits die ohnehin im internationalen Vergleich preisgünstigen deutschen Aktien beflügelt (siehe „Kurstreiber“). „Der deutsche Aktienmarkt ist der attraktivste in Europa“, schreibt Goldman Sachs in einer weltweit veröffentlichten Studie.

Dementsprechend haben viele Institute ihre Kursziele für den Deutschen Aktienindex (Dax) bis Jahresende erhöht. Durchschnittlich sehen die Experten der fünf größten deutschen Bankhäuser den Dax bis Jahresende nun 300 Punkte höher als noch im Januar. Doch bereits jetzt scheinen die gerade angehobenen Prognosen, die zwischen 4 700 (Dresdner Bank) und 5 100 (Commerzbank) Punkten schwanken, schon wieder überholt. Denn der Dax steigt und steigt und notiert mit knapp 5 000 Zählern schon höher, als ihn die Bankhäuser für Ende Dezember mit durchschnittlich 4 940 Punkten veranschlagen. Ursache ist zweifellos weniger ein gewisses Maß an Skepsis, als vielmehr die rasante Marktentwicklung. Der Dax hat in den vergangenen zwölf Wochen knapp 20 Prozent zugelegt. Da fällt es den Experten schwer, Schritt zu halten.

Doch zurück zum Auslöser der steigenden Kurse. Der Neuwahl-Coup von Bundeskanzler Gerhard Schröder am 22. Mai entfachte an den Börsen eine Aufbruchstimmung. Die Investoren spekulieren darauf, dass eine konservativ-liberale Regierung und ein von der Union dominierter Bundesrat große Handlungsfähigkeit besitzen. Das wiederum weckt Hoffnungen auf strukturelle Veränderungen wie Gesundheitsreform oder Lockerung des Kündigungsschutzes. Eine stärkere Flexibilisierung des Arbeitsmarktes würde die Möglichkeit der Unternehmen erhöhen, sich im Abschwung einfacher von Mitarbeitern zu trennen, aber im Aufschwung auch schneller einstellen zu können. Damit stiegen die Chancen auf ein kräftigeres Wirtschaftswachstum.

Doch auch die von CDU und FDP angestrebte Entkoppelung der Finanzierung der Sozialversicherung vom Lohn weckt das Interesse der Anleger. Denn Unternehmen, deren Gewinne wesentlich von der Entwicklung inländischer Lohnkosten beeinflusst werden, wären die Gewinner einer solchen Reform. Nach Ansicht der Hypo-Vereinsbank reagieren Volkswagen, Thyssen-Krupp, Siemens, MAN, Lufthansa und Deutsche Post sensibel auf eine Änderung des Personalaufwands. Die Aktienkurse mittlerer und kleinerer Unternehmen im MDax, SDax und Technologie-Index TecDax schlagen aufgrund ihrer stärkeren Produktion in Deutschland generell noch stärker auf entsprechende Veränderungen aus als die großen Dax-Titel.

Doch nicht nur eine neue Arbeitsmarktpolitik, auch die mögliche Wende in der Energiepolitik schürt Spekulationen auf Kursgewinne. Eine Aussetzung des von der SPD und den Grünen mit der Wirtschaft ausgehandelten Atomausstiegs und eine Verlängerung der Restlaufzeiten für Deutschlands Kernkraftwerke würde die Stromerzeuger entlasten. Weil Eons Anteil der Kernkraft bei gut der Hälfte liegt, der von RWE aber nur bei einem Viertel, würde Eon demnach stärker profitieren.

Doch die stärksten Kurstreiber dürften die optimistischen Studien ausländischer Investmenthäuser sein. Ob UBS in der Schweiz, HSBC in Großbritannien oder Goldman Sachs und Merrill Lynch in den USA – die Großen befassen sich in ihren Marktanalysen mit der Bundestagswahl. Tenor auch hier: Investoren setzen bereits jetzt auf eine neue Regierung und Reformen, die mehr Freiräume und den Unternehmen höhere Gewinne bringen. Dabei erwarten die ausländischen Analysten, dass Deutschland die rote Laterne in Europa abgibt und durchstartet. Mit der Möglichkeit, dass doch keine Mehrheit für eine schwarz-gelbe Koalition zustande kommen könnte, rechnen die Investmenthäuser bislang aber nicht.

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