Wie ein Showmaster die Kurse bewegt
Der wildeste Bulle der Wall Street

"Armageddon! Wir haben Armageddon!", schreit der Mann im TV-Studio, als stünde er unmittelbar vor dem Nervenzusammenbruch. Der kahle Kopf ist feuerrot, die Hemdsärmel in Kirmesboxer-Manier bis zu den Oberarmen hochgekrempelt. "Mad Money" heißt die Sendung von Börsenguru Jim Cramer, der in seiner Show mit Aktientipps um sich wirft - und auch schon mal mit Stühlen.

NEW YORK. Dann fliegt die rechte Hand wie ein Fleischermesser auf die Tischkante, und die Jammertöne schaffen es noch zwei Oktaven höher: "Die sind verrückt, die Fed schläft", brüllt er die verdutzte Fernsehmoderatorin an. Notenbank-Chef Ben Bernanke muss sich als "Akademiker" beschimpfen lassen: "Der hat doch keine Ahnung, wie schlimm es da draußen aussieht." Da draußen, an der Wall Street, spenden sie Jim Cramer für all die Tiraden warmen Applaus. "Cramer ist total verrückt", sagt ein New Yorker Broker der Deutschen Bank, "aber er ist eine starke Marke!"

Sein Angstschrei nach Zinssenkungen machte ihn zum Sinnbild für die Nervosität an den Aktienmärkten. Im Frühjahr 2007 sah Cramer den Dow Jones schon sorgenfrei auf 15 000 Punkte davonreiten, ehe die Bären das Kommando übernahmen. Doch kaum ist die Wall Street mit Zinssenkungen beglückt, erneuert der 52-Jährige seine Botschaft, die Rally könne weitergehen: "Der Tag ändert alles", sagt er in seiner TV-Show "Mad Money" (Irres Geld).

Der US-Aktienguru mit Halbglatze und Vollbart fühlt sich inzwischen stark genug, um Bernanke nach dessen aggressiver Zinssenkung höchst offiziell zu begnadigen: "Okay, Bernanke hat doch Ahnung!" Schließlich hat er endlich das getan, was Cramer seit Wochen fordert. Wie zum Ablass wirft er dann eine Packung Uncle-Ben?s-Reis aus dem TV-Studio - mit dem Konterfei von Ben Bernanke. Cramer, der eifrigste Cheerleader der Wall Street, hat seinen Frieden.

Der Kleine führt ein Fantasie-Aktiendepot und lernt Tickersymbole auswendig

Schon seine Forderung, den Diskontzins anlässlich der Krise auf den Kreditmärkten zu senken, wurde zwei Wochen nach dem Armageddon-Ausraster erhört. In Cramers Welt liest sich das so: Er muss nur pfeifen - und die Fed beginnt zu tanzen. Bernanke, nur ein Getriebener der Wall-Street-Lobby samt ihrer angeschlossenen Sender? Es ist eine selten verrückte Karriere, die Cramer eine derart einflussreiche Stellung verlieh.

Als Kind scheint sein Weg zur Wall Street vorgezeichnet. Der Kleine führt ein Fantasie-Aktiendepot und lernt mit Vorliebe Tickersymbole, die Börsenkürzel der Unternehmen, auswendig. Doch nach dem Studium landet der Harvard-Absolvent und Zeitungsjournalist ganz unten: Als Cramers Wohnung ausgeraubt und sein Bankkonto geplündert wird, übernachtet er neun Monate lang in seinem Ford Fairmont - mit Camping-Axt und Pistole.

1981 schickt ihn der Vater zurück nach Harvard, doch statt Law School sitzt der Sohn nur in der Bibliothek und studiert Börsenkurse. Auf seinem Anrufbeantworter hinterlässt er Aktienempfehlungen, fast jeden Tag neue. Cramers Leben erfährt eine Wende, als ihm ein Harvard-Professor die Verwaltung seines Vermögens anvertraut.

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