Wirtschaftsaufschwung
Börse Istanbul setzt auf Erdogan

Nervosität in Ankara: Wer gewinnt die Parlamentswahl am 22. Juli? Darüber rätseln jetzt die politischen Beobachter in der türkischen Hauptstadt. 500 Kilometer westlich scheint man solche Sorgen nicht zu haben: Die Aktienkurse an der Istanbuler Börse klettern von einem Allzeithoch zum nächsten. Den beispiellosen Aufschwung verdanken sie Ministerpräsident Erdogan.

ISTANBUL. Seit Jahresbeginn stieg der Leitindex ISE-100 um rund 28 Prozent.Türkei-Aktienfonds wie der Espa Stock Istanbul oder der Fortis Turkey rangieren in der Fondsliga unter den ersten Zehn. Auch die Lira notiert gegenüber dem Dollar so stark wie seit über zwei Jahren nicht mehr.

Die Rally am Bosporus hat selbst Fachleute überrascht: „Die Performance liegt über meiner Erwartung“, sagt Gregor Holek, Fondsmanager im Emerging Markets Aktien-Team bei Raiffeisen Capital Management. Die Gründe sieht er nicht nur in der Risikobereitschaft vieler Anleger, hoher Liquidität und der immer noch günstigen Bewertung der Region. Vor allem werde das politische Risiko außerhalb der Türkei deutlich entspannter gesehen als im Lande selbst. Das Risiko: eine Ablösung des Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan und seiner islamisch-konservativen AK-Partei bei den Parlamentswahlen am 22. Juli. Erdogan verdankt die Türkei einen beispiellosen Wirtschaftsaufschwung. Seit seinem Regierungsantritt Ende 2002 wuchs das Bruttoinlandsprodukt um durchschnittlich über sieben Prozent pro Jahr. Die Inflation, im Krisenjahr 2001 noch bei knapp 60 Prozent, drückte Erdogan auf unter zehn Prozent, bei Defizit- und Schuldenquote erfüllt das Land mittlerweile die Vorgaben des EU-Stabilitätspakts.

Doch trotz des Wirtschaftswunders trauen manche Türken Erdogan nicht über den Weg. Sie argwöhnen, der frühere Fundamentalist verfolge eine „geheime Agenda“, die Islamisierung der Türkei. Damit wird die Parlamentswahl zu einem Showdown zwischen Erdogan und dem säkularen Establishment, zu dem auch die mächtigen Militärs gehören.

Glaubt man den Meinungsforschern, wird Erdogan die Machtprobe gewinnen. Sie prognostizieren der AK-Partei sogar Stimmenzuwachs. „Die Anleger erwarten eine Fortsetzung der bisherigen Einparteienregierung“, sagt Muhittin Küley, Research-Chef bei Iktisat Investment in Istanbul. Für gute Stimmung an der Börse sorgen neben den Wahlumfragen jetzt auch die jüngsten Inflationszahlen: Mit einem Anstieg der Verbraucherpreise um 8,6 Prozent lag die Teuerung im Juni unter den Schätzungen der meisten Analysten. Nach mehreren Zinserhöhungen im vergangenen Jahr, mit denen die türkische Zentralbank den Leitzins auf zuletzt 17,5 Prozent anhob, weckt die rückläufige Inflationskurve jetzt Hoffnungen auf niedrigere Zinsen. Davon profitieren vor allem die Kurse der Finanztitel. Auf Bankaktien vom Bosporus setzt auch Credit Suisse: „Der türkische Bankensektor ist der billigste in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika“, schreiben die Credit-Suisse-Experten in einer aktuellen Analyse.

Selbst die Möglichkeit, dass Erdogan am 22. Juli eine regierungsfähige Mehrheit verfehlen könnte und einen Koalitionspartner braucht, scheint die Märkte nicht sonderlich zu beunruhigen. „Historisch waren Koalitionen in der Türkei zwar immer mit Instabilität verbunden“, sagt Manfred Zourek, Manager des Türkei-Fonds Espa Stock Istanbul. Diesmal könnte aber eine Koalition mit starker Dominanz der AK-Partei für die kommenden Jahre ein ähnlich positives Umfeld schaffen wie die Alleinregierung Erdogans in den vergangenen fünf Jahren, sagt Zourek. Ein freundliches globales Aktienumfeld vorausgesetzt, sieht Zourek für die Istanbuler Börse bis zum Jahresende ein Kurspotenzial von weiteren zehn bis 20 Prozent.

Gerd Höhler
Gerd Höhler
Handelsblatt / Korrespondent Südosteuropa
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