Wirtschaftsboom versetzt Verbraucher in Konsumrausch
Am Kap boomen die Einzelhandelswerte

Der weltweite Rohstoffboom beschert dem mit Bodenschätzen gesegneten Land Südafrika seit rund drei Jahren einen deutlichen Aufschwung. Die gestiegene Stimmung von Verbrauchern und Unternehmern spiegelt sich vor allem im Einzelhandel wider, der mehr als andere Branchen von den vergleichsweise niedrigen Zinsen profitiert.

KAPSTADT. Seit Juni 2003 hat die Zentralbank den Leitzins gleich sieben Mal gesenkt, zuletzt im April. Mit sieben Prozent liegt er nun auf dem tiefsten Stand seit 25 Jahren. Das hat die Kurse der Einzelhandelswerte auf Rekordhochs steigen lassen. Einige Analysten warnen aber trotz der guten Stimmung, es werde schwer, die Steigerungsraten durchzuhalten.

„Die günstigen Zinsen haben nicht nur Kredite billiger gemacht, sondern auch die Rückzahlungslast unserer Kunden vermindert und ihnen das Gefühl gegeben, mehr Geld im Portemonnaie zu haben“, konstatiert Simon Susman, Chef des Einzelhändlers Woolworth, der in Südafrika im oberen Marktsegment agiert. Bekleidungsläden wie Edcon oder Foschini, aber auch die Supermarktketten Pick’n Pay und Shoprite sind durch den Kaufrausch der Verbraucher zuletzt alle auf neue Allzeithochs geklettert. Kein Wunder, dass die Einzelhändler im vergangenen Jahr die Zugpferde des Börsenaufschwungs am Kap waren und mit einem Plus von fast 70 Prozent die vom starken Rand gebeutelten Minenwerte deutlich überflügeln konnten.

Ein rasches Ende des Booms ist nicht in Sicht. Die Schweizer Großbank UBS geht jedenfalls davon aus, dass die südafrikanischen Unternehmen ihren Gewinn in diesem Jahr um rund 30 Prozent steigern werden. Dies wäre mehr als das Doppelte des weltweiten Durchschnitts. Obwohl der Boom fast ausschließlich auf der hohen Nachfrage der Verbraucher fußt und das produzierende Gewerbe seit längerem stagniert, erkennt Stephen Ross, Geschäftsführer des Einzelhändlers Edcon, bereits einen „strukturellen Wandel der südafrikanischen Wirtschaft“. Er schätzt, dass Steuersenkungen, gestiegene Infrastrukturausgaben und der Zuschlag für die Fußball-WM 2010 die gute Verbraucherstimmung zementieren und das Wachstum am Kap auf lange Sicht ankurbeln werden.

Andere Beobachter sind skeptischer, weil der Boom fast ausschließlich auf der hohen Binnennachfrage basiert. „Ich kenne keinen Schwellenmarkt, der ohne einen gleichzeitigen Anstieg der Exportwirtschaft längerfristig gewachsen wäre“, gibt Michael Power von Investec Asset Management in Kapstadt zu bedenken. Zur Vorsicht mahnt auch Mohamed Loonat, Analyst bei Abvest Associates. „Die Einzelhändler boomen, aber die Bedingungen werden zunehmend härter, und es wird schwer sein, die gegenwärtigen Zuwachsraten zu halten“, sagt er.

Die Einzelhändler selbst sind naturgemäß optimistischer. Edcon-Chef Ross sieht das Wachstum vor allem aus zwei Richtungen kommen: zum einen über seine traditionellen Kunden in der weißen Mittelschicht, zum anderen über den sozialen Aufstieg der allmählich anwachsenden schwarzen Klientel. Da viele Südafrikaner auf Pump kaufen, hat Edcon inzwischen 3,5 Mill. aktive Nutzer seiner hauseigenen Kreditkarte – mehr als Visa und Mastercard in Südafrika zusammen.

Obwohl vielen Analysten die steigende Verschuldung der Verbraucher Sorgen bereitet, liegt der Anteil der Schulden am Gesamteinkommen in Südafrika noch immer unter dem in Großbritannien oder den USA. Auch faule Kredite liegen am Kap dank der schärferen Kreditüberwachung unter dem Stand der späten 90er-Jahre. Nach Angaben des Einzelhändlers Edcon begleichen fast 90 Prozent seiner Kunden ihre Schulden pünktlich oder binnen einer Frist von 30 Tagen – ein im internationalen Vergleich hoher Anteil.

Die positive Entwicklung hat zuletzt die Frage aufgeworfen, ob nach dem Banksektor vielleicht auch der südafrikanische Einzelhandel ins Visier einer größeren ausländischen Gruppe gerät. Edcon-Chef Ross hat den Hut für seine Gruppe bereits in Ring geworfen: Als marktbeherrschender Einzelhändler mit fast 750 Läden, einer attraktiven Kundenstruktur und ausreichend hohen Bargeldeinnahmen könne Edcon für eine größere internationale Gruppen durchaus attraktiv sein, sagt er.

Wolfgang Drechsler
Wolfgang Drechsler
Handelsblatt / Korrespondent
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