Zeichen einer dauerhaften Wende sind noch schwach
Börsenrally in Japan stößt auf Skepsis

Unter Investoren scheint eine Art Japan-Fieber ausgebrochen zu sein. Nach vielen Jahren Abwärtstrend und einem Tiefstand von 7608 Punkten Ende April hat der Nikkei-225-Index der wichtigsten japanischen Industriewerte mehr als 40 % zugelegt.

DÜSSELDORF. Schon sehen Fondsmanager und Aktienstrategen Zeichen für eine echte Trendwende. Doch ein zweifelnder Unterton schwingt mit: Die Krise der einstigen Vorzeigewirtschaft sei noch lange nicht ausgestanden. Zwei mögliche Gründe für die jüngste Kursrally nennt Stratege David Bowers von Merrill Lynch in London: Entweder greifen die Reformen, und die grundlegenden Daten der japanischen Wirtschaft bessern sich dauerhaft. Oder es handelt sich erneut um einen rein zyklisch bedingten Höhenflug, der lediglich mit den besseren Aussichten der gesamten Weltwirtschaft und der traditionellen Exportstärke Japans etwas zu tun hat. „Japan ist ein zyklisches Investment, so ist es 20 Jahre lang gewesen“, sagt Bowers.

Ein bisschen von allem habe zu der gegenwärtigen Rally geführt, meint Bowers. „Aber ich neige mehr zu der zyklischen Begründung.“ Skepsis ist offenbar auch aufgrund der technischen Analyse angebracht. Seit Ende der 80er-Jahre hat sich der Nikkei-Index mit kurzen Unterbrechungen hauptsächlich abwärts bewegt.

Auch Japan-Fondsmanager Michael Neppert vom DIT hält die Theorie von einer echten Wende für verfrüht und schätzt, dass der Rally bald die Luft ausgeht: „Ich denke, sie hat etwa zwei Drittel ihres Weges geschafft“, sagt er. Damit wäre sie bei 11 000 bis 12 000 Punkten zu Ende. Dass derzeit noch so viel Schwung herrsche, sei typisch für die gegenwärtige Phase: „Niemand will etwas verpassen, jetzt springen alle auf.“ Privatanleger kämen jetzt hinzu; außerdem dauere es eine Weile, bis die großen US-Fondsmanager ihre Positionen von „Untergewichten“ auf „Marktgewicht“ aufgebaut hätten.

Übrigens sind auch die Europäer vermehrt eingestiegen. In der vergangenen Woche hat sich ihr Engagement nach Informationen des „Wall Street Journal“ mehr als verfünffacht.

Alles schon da gewesen? Nicht ganz. Fondsmanagerin Lilian Haag von DWS macht trotz aller Bedenken Zeichen für eine fundamentale Wende aus: „Die großen Reformen kommen nicht unbedingt von der Regierung“, sagt sie, „sie finden eher in den Unternehmen statt.“ Es bestehe größere Bereitschaft, Kosten zu sparen und Personal abzubauen. Die Gewinne vor Sonderabschreibungen hätten sich im vergangenen Jahr um 40 % verbessert, in diesem Jahr nochmals um 15 %. Auch der auf Japan spezialisierte Volkswirt Holger Bahr von der Dekabank sagt: „Das Glas ist nicht mehr halb leer, es ist halb voll.“

Die meisten Experten sind sich einig, dass die Dauerkrise der Banken nach der Rettung der Resona-Bank im Juni durch die Regierung nicht mehr so dramatisch erscheint. „Das Bankenrisiko ist damit aus dem Markt“, sagt Fondmanager Neppert. Die japanischen Banken hatten aufgrund der über Jahre fallenden Immobilienpreise ständig neue faule Kredite verdauen müssen. Bis heute geben obskure interne Bewertungssysteme kein klares Bild ab, wie hoch der Abschreibungsbedarf der japanischen Banken ist. Reformen auch zu den Rechnungslegungsvorschriften sind jetzt in Gang gesetzt. Auch die Wirtschaftsdaten haben sich verbessert.

„Ich hege Hoffnungen auf einen echten wirtschaftspolitischen Kurswechsel. Zusammen mit dem Engagement der Unternehmen vergrößert das die Wahrscheinlichkeit, dass es aufwärts geht“, sagt Volkswirt Bahr.

Alles in allem bleibt der Unterton vorsichtig. Entsprechend selektiv fallen die Branchenempfehlungen aus. Fondsmanager Neppert setzt auf Bankenwerte wie Mizuho Financial und Sumitomo Financial. Seine Kollegin Haag von DWS empfiehlt außer Banken den Maschinenbau als zyklisch vom Export profitierende Branche, wie etwa den Fabrikautomatenhersteller Keyence. Auch der Einzelhandel könne sich endlich beleben; deshalb sei die Supermarktkette Ito-Yokado attraktiv.

Gleich, wie dauerhaft die Erholung ist: Das Risiko ist für Anleger geringer geworden. Mit einem durchschnittlichen Kurs-Gewin-Verhältnis (KGV) von etwas über 20 sind japanische Aktien längst nicht mehr so teuer wie zu Zeiten, als es sich zwischen 30 und 50 bewegt hatte.

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