Zinsenzinseffekt
Die Zeit für sich arbeiten lassen

Für den Vermögensaufbau ist der Zinseszinseffekt der entscheidende Hebel. Bei langen Laufzeiten verfielfacht sich das eingesetzte Kapital. Je länger sich das Geld vermehren kann, desto größer ist der Effekt. Das Ganze hat allerdings einen Haken.

STUTTGART. Jeder kann ihn so ungefähr erklären, kaum jemand schätzt ihn richtig ein: Den Zinseszinseffekt. Dass angespartes Kapital regelmäßig verzinst wird und ab der zweiten Runde auch die Zinsen jedes Mal wieder neue Erträge bringen, lernt man schon in der Mittelstufe. Und doch ist vielen Anlegern nicht klar, dass der Zinseszins das eingesetzte Kapital bei langen Laufzeiten vervielfachen kann.

„Die psychologische Wahrnehmung sieht nur die anfänglichen vier Prozent Zins, und dann hört das Nachdenken darüber auf“, sagt Hans Kaminski, Professor am Institut für ökonomische Bildung der Uni Oldenburg. Er untersucht, wie gut sich Schüler an weiterbildenden Schulen und die allgemeine Bevölkerung mit wirtschaftlichen Abläufen auskennen. „Die meisten Leute denken sich: Vier Prozent von vier Prozent von vier Prozent, da kommen am Ende nur noch Centbeträge dazu.“

Ganz im Gegenteil. Je länger das Geld sich vermehren kann, desto größer ist der Effekt. Wer monatlich 100 Euro spart und das 30 Jahre lang, hat am Ende 36 000 Euro beiseite gelegt. Bei einem Zinssatz von 4,5 Prozent sind aber insgesamt fast 75 000 Euro daraus geworden. Würde man den gleichen Betrag nur über zehn Jahre verteilt einzahlen, würden aus den 36 000 Euro zum Schluss nur rund 45 000 Euro entstehen.

Doch der Zinseszins kann noch mehr. Wenn das Ersparte als Rentenzubrot dienen und über viele Jahre langsam aufgebraucht werden soll, verzinst sich der Restbetrag immer noch so lange weiter, bis nichts mehr auf dem Konto übrig ist. Aus den ursprünglichen 36 000 Euro können so 140 000 Euro und mehr werden. Kein Wunder, dass Wirtschaftsexperte Bert Rürup den Zinseszinseffekt einmal „das achte Weltwunder“ nannte und der Schriftsteller Martin Walser schwärmte: „Der Zins ist die Vergeistigung des Geldes zur Musik.“

Das Ganze hat natürlich einen Haken. Denn die theoretisch erzielten 140 000 Euro werden in vier oder fünf Jahrzehnten aller Voraussicht nach nicht mehr so viel wert sein, wie sie es heute wären. Die Inflation frisst daran; zudem fordert der Staat über die Steuern seinen Teil vom Kuchen. „Aus einem Zinssatz von drei Prozent jährlich kann deshalb leicht unter dem Strich nur ein einziges Prozent übrig bleiben“, sagt Zinsstratege Max Herbst, Chef des Finanzberaters FMH. Je höher der Zinssatz, desto mehr bleibt nach Abzug von Steuern und Inflation am Ende übrig.

Viele Anleger lassen sich von den Versprechen der Banken anlocken: „Erfahrungsgemäß rund acht Prozent“ Rendite verheißen manche Geldhäuser in diversen Werbebroschüren und verschweigen dabei, dass es sich nur um eine Hochrechnung und nicht um einen garantierten Satz handelt. Je mehr Rendite erzielt werden soll, desto größer ist der Unsicherheitsfaktor – beim Zinseszinseffekt genau wie bei anderen Anlageformen.

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