Anlagestrategie
Die Scheinwelt der Börsengurus

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Ebenfalls Analyst des Jahres – allerdings in Österreich – konnte sich auch schon einmal Günther Artner nennen. Der 38-Jährige leitet die Research-Abteilung der Ersten Bank aus Wien. Als die österreichische Presse ihn und seine zehn Kollegen regelmäßig auszeichnete, kamen Kunden auf sie zu, „ob sie ihre Empfehlungen nicht in einem Zertifikat bündeln könnten“, erzählt Artner. Und seine Research-Abteilung war gleich so selbstbewusst, nicht nur ein Zertifikat mit einem Korb der von ihnen beobachteten, favorisierten österreichischen Aktien zu lancieren, sondern auch ein dazugehöriges Alpha-Zertifikat, bei dem sich die Rendite des Anlegers aus der Differenz zwischen der Auswahl der Analysten und der Entwicklung des ATX-Index ergibt. Sind die Analysten mit ihren Empfehlungen also besser als der Markt, steht das Alpha-Zertifikat im Plus. Wer das Zertifikat vor drei Jahren gekauft hat, ist heute immerhin um 13,2 Prozent reicher. Die Erste Bank verlangt keine Managementgebühr, behält dafür aber die Dividenden ein und verdient dadurch ihr Geld. 

Auch die österreichische Raiffeisen Centrobank (RCB) und die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) verbriefen das Know-how ganzer Research-Abteilungen. Allerdings bisher weniger erfolgreich. 

Hendrik Leber, Gründer von Acatis Investment, kopiert die Anlagestrategien der amerikanischen Universitätsstiftungen. Sein Zertifikat der LBB mit dem klingenden Namen College verlor jedoch fast 20 Prozent innerhalb eines Jahres an Wert. 

Selbst Presseorgane sind sich nicht zu schade, für Anleger Zertifikate zu entwickeln. So hatte die Zeitschrift „Capital“ (Gruner + Jahr) 2002 in Zusammenarbeit mit der Dresdner Bank das Zertifikat Capital Best Choice World mit fester, bereits geendeter Laufzeit auf den Markt gebracht. Darin sollten die besten zehn Aktien der Welt enthalten sein. Aber schon nach einem halben Jahr lag Best Choice 40 Prozent unter Wasser. Die Auswahl fuhr nicht nur Verluste ein, sondern rief auch den deutschen Presserat auf die Bühne, der einen Interessenkonflikt zwischen Journalisten und Zertifikate-Macher sah. 

Auch nicht gerade von Erfolg gekrönt ist das noch laufende Zertifikat der Zeitschrift „Der Aktionär“ (Börsenmedien). Es verbrieft den Index TSI des Blattes, um deren genaue Zusammensetzung das Anlegermagazin allerdings ein Geheimnis macht. Es handelt sich dabei um deutsche Aktien mit einem Aufwärtstrend. In zwölf Monaten verlor das Zertifikat 42,8 Prozent an Wert. Das Lobbyblatt „ZertifikateJournal“ müsste es eigentlich besser wissen. Doch mit seinem Korb aus Zertifikaten schaffte es im gleichen Zeitraum auch nur einen Verlust. Selbst wenn dieser mit minus 13,1 Prozent deutlich kleiner ausfiel. Freude an vermeintlichen Expertenstrategien sieht anders aus.

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