Anlegerschutz
„Wer zocken will, soll zocken“

Wie weit muss und darf Anlegerschutz gehen? Die Verbraucherschutzministerin fordert mehr Transparenz. Der Chef des privaten Bankenverbands Michael Kemmer fürchtet im Streitgespräch den großen bürokratischen Aufwand.
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BerlinAnleger haben viel Geld mit Lehman-Zertifikaten verloren. Hat die Politik die richtigen Konsequenzen gezogen?

Aigner: Wir haben mit einem Bündel von Maßnahmen reagiert, um den Schutz der Geldanleger zu verbessern. Es geht um mehr Transparenz und Verlässlichkeit. Ich darf an die Beratungsprotokolle erinnern und die Produktinformationsblätter, die Aufschluss geben über Chancen, Risiken und Kosten von Finanzprodukten. Ein Hauptproblem besteht nach wie vor darin, dass sich ein Teil der Kreditwirtschaft von ihrer dienenden Funktion gegenüber dem Verbraucher entfernt hat.

Kemmer: Da ist sicherlich viel geschehen. Und alles, was geschehen ist, war gut gemeint. Aber nicht alles, was gut gemeint ist, ist wirklich hilfreich. Was die Beratungsprotokolle angeht, da wird jeder quasi zwangsbeglückt. Unserer Auffassung nach muss der erfahrene Kunde, der schon eine Reihe von Protokollen erhalten hat, das Recht haben, die Aushändigung eines Beratungsprotokolls abzulehnen.

Muss er das, Frau Aigner?

Aigner: Auch wenn jemand häufig Anlageentscheidungen trifft, kann er danebenliegen. Ich bleibe dabei: Beipackzettel und Beratungsprotokolle sind wichtige und richtige Instrumente. Gleichwohl nehmen wir ihre Wirkung kritisch unter die Lupe.

Herr Kemmer, rund 300 000 Bankberater sind derzeit bei der Finanzaufsicht Bafin registriert. Geht jetzt die Angst bei den Bankberatern um?

Kemmer: Nein, aber wir sehen das als bürokratischen Overkill an. Aus unserer Sicht wäre es praktikabler gewesen, diejenigen Berater zu erfassen, bei denen sich Beschwerden häufen. In der Kartei vom Kraftfahrt-Bundesamt in Flensburg werden schließlich auch nur die Verkehrssünder erfasst und nicht alle Autofahrer.

Frau Aigner, warum muss hier ein ganzer Berufszweig büßen?

Aigner: Es geht bei diesem Vorhaben darum, Vertrauen und Transparenz herzustellen. Lehman hat gezeigt, dass die Beratung nicht optimal funktionierte. Jetzt können wir feststellen, wer überhaupt berät, ob Qualifikation dahintersteckt und wer für den Vertrieb verantwortlich ist.

Kemmer: Noch ein Wort zu Verbraucherbeschwerden. Wenn die Renditeerwartungen eines Anlegers nicht aufgehen, muss er nicht falsch beraten worden sein. Schnell ist man mit Vorwürfen bei der Hand, wenn Geld verloren wird. Tatsächlich muss die Risikoneigung des Kunden bei seinen Anlagen eindeutig erfasst werden. Ich darf daran erinnern, dass die überwiegende Mehrheit der Bankkunden - nämlich 80 Prozent - sich gut beraten fühlt.

Kommentare zu " Anlegerschutz: „Wer zocken will, soll zocken“"

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  • In den betroffenen Banken und anderen Geldeintreibern gibt es die Abteilungen Vertriebsplanung, Vertriebssteuerung und Vertriebscontrolling. Diese sind mit Mitarbeitern besetzt, die meist noch nie einen Kunden gesehen, geschweige denn beraten haben. Solange diese Abteilungen höher angesiedelt sind als das arme Schwein von Berater, der sich täglich oder wöchentlich über seine Unfähigkeit rechtfertigen soll und davon auch noch sein Einkommen abhängig ist, wird sich nichts ändern. Die hehre Floskel, daß der Kunde im Mittelpunkt steht, wird auf dem Altar des Unternehmensgewinns geopfert. Fazit: Nur eine auskömmliche Bezahlung der Berater und ggf. ein kleiner Bonus als Sahnehäubchen wird die Situation nachhaltig ändern.

  • Volle Zustimmung!

  • Man kann es nicht mehr hören, lesen oder sehen....die bösen Bänker sind am Unheil aller Welt schuld, manchmal erinnert mich diese ganze Polemik und Rhetorik an Deutschland von vor rund 80 Jahren. Der normale Berater/Verkäufer in einer SPK oder VOBA macht nichts anderes als der Arzt oder Sprechstundenhilfe die Patienten mit Angst machen Igel-Produkte verkaufen wollen, der Automechaniker der Dinge abrechnet, die so nie behandelt wurden und so weiter....Ich glaube, diese ganze Krise hat nichts mit falscher Beratung zu tun, sondern eher damit, das Regierungen nicht an die rangehen, die wirklich Geld haben....Apple sitzt auf 100 Milliarden Dollar Cash, kein Wunder bei Produkten die wie ein IPAD mit 200 % Gewinnmarge verkauft werden(Banken wird schon bei Produkten mit 5 % Kosten die Hölle heißgemacht), Volkswagen spart durch Steuertricks mit der Porsche Fusion gerade mal 1,2 MRD Euro, weitere multinationale Konzerne wie Nestle, Coca Cola, Mc Donalds, Unilever, Colgate scheffeln ebenfalls MRD. und keinen interessiert es....Es wird immer suggeriert das jeder Bänker nur an sein Unternehmen denkt, was machen denn Verkäufer anderer Unternehmen, erwartet das die Aigner, das dort "auch auf Auftrag zu dienen" besonnen wird, klar wird dort auf´s dienen besonnen, aber dem eigenen Arbeitgeber ggü, denn sonst gibt es Ärger. Vielleicht sollte die Aigner sich demnächst auch mal darum kümmern, das die Leute die im Einzelhandel arbeiten, darauf achten das dicke Menschen zukünftig nur noch gesunde Lebensmittel laufen und die Schokolade im Regal lassen.....Und das Staaten vor der Pleite stehen hat sicherlich auch nichts mit falscher Beratung von Privatkunden zu tun, Regierungen haben bisher doch quasi Banken dazu genötigt ihre Schrottanleihen hinter denen keine Werte stecken zu kaufen und in ihre Bücher zu nehmen und jetzt wo die Blase platzt sind die Banken die Sündenböcke. Leute wacht endlich auf und denkt reflektiert über das was passiert

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