Ausgefallene Papiere
Chancen auf Exoten-Märkten

Papiere auf ausgefallene Aktienmärkte versprechen heiße Gewinne. Wenn der Anleger die besonderen Spielregeln kennt.

Abgerechnet wird eben erst zum Schluss: Ausgerechnet die als riskant geltenden Schwellenländer stecken derzeit die globale Finanzkrise im Gegensatz zu früheren Korrekturen besser weg als die Märkte der Industrienationen. Dazu zählen die Türkei, Thailand und auch die Aktienmärkte in China und Hongkong. Deren Zertifikate legten seit Juni zwischen 15 und 30 Prozent zu, während die Börsen in Europa und den USA in der gleichen Zeit ins Minus rutschten.

Und dann wären da noch die Staaten, die man auf den ersten Blick wohl nur nach vorheriger Konsultation eines Arztes oder eines Reiseprofis betreten sollte: Botswana etwa, Nigeria, Bangladesch oder die Ukraine. Dabei sind die Aktienmärkte gerade hier auf Rekordfahrt. Glatt verdoppelt haben sich die Kurse in der Ukraine, 60 Prozent stehen in Nigeria zu Buche, 52 Prozent im Plus liegt der Markt in Botswana. In China, dem eigentlich gar nicht mehr exotischen Über-Schwellenland, haben Anleger seit Jahresanfang ihren Einsatz fast verdreifacht.

Lange Zeit gingen solche Kursveränderungen an privaten Anlegern hierzulande vorbei. Mit dem Zertifikate-Geschäft hat sich das grundlegend verändert. Reihenweise geben die Zertifikate-Banken Papiere auf ausgefallene Börsen heraus. Derzeit gibt es allein mehr als 80 verschiedene Indexzertifikate auf diese Märkte. Immer mehr Anleger setzen auf eine weitere Erfolgsstory dieser Länder.

Dank der seit Jahren herrschenden Globalisierungs- und Schwellenländereuphorie laufen die Kurse auf diesen Märkten sehr gut. Seit Jahresbeginn kletterte der Schwellenländer-Auswahlindex MSCI Emerging Markets um 13 Prozent. Der alle Aktienmärkte der Welt umfassende Aktienindex MSCI World legte in der gleichen Zeit gerade einmal um zwei Prozent zu.

Die Konstruktion der meisten Zertifikate ist einfach: Die Bank verbrieft mit dem Papier die Kursentwicklung einer Gruppe von Aktien des jeweiligen Landes, der Region oder eines lokalen Index. Eine Streuung über zehn und mehr Papiere mindert das Einzeltitelrisiko. Ob sich die Exoten allerdings für mehr eignen als nur eine kurzfristige Spekulation, hängt auch von der Ausgestaltung der Schwellenländer-Papiere ab. Die Bandbreite reicht von gebührenfreien Indexzertifikaten, in die auch Dividenden fließen, bis hin zu Schachtelkonstruktionen, deren mehr oder weniger erkennbare Kosten sich binnen eines Jahres auf mehrere Prozent summieren.

Beispiel Vietnam: Während die Landesbank Berlin seit Oktober 2006 zunächst die Kursentwicklung eines Fonds über ein Zertifikat nachzeichnete, entschloss sich die Deutsche Bank, einen Korb an vietnamesischen Aktien über ein Vietnam-Top-Select-Papier zu verbriefen. Die Zertifikate-Fachleute der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS wiederum entschieden sich im Dezember 2006 für ein Vietnam-Zertifikat, dessen Zusammensetzung von den hauseigenen Schwellenländerexperten bestimmt wird.

Ein Land, ein Aktienmarkt – doch die drei Zertifikate lieferten wegen ihrer unterschiedlichen Konzepte völlig unterschiedliche Erträge: Während das zuletzt herausgegebene DWS-Zertifikat seit Jahresbeginn um 22 Prozent zulegen konnte, büßte das LBB-Zertifikat im gleichen Zeitraum ein Fünftel an Wert ein.

Zu den Favoriten unter den aufstrebenden Nationen zählt wie Vietnam auch die brasilianische Börse. Der Aktienindex Bovespa gehört dank des Rohstoffreichtums und der Exportüberschüsse des Landes seit Jahren zu den internationalen Börsenkurven mit dem höchsten Zuwachs. Seit Mitte 2002 hat er sich versechsfacht; für das laufenden Jahr steht ein Plus von 28 Prozent zu Buche.

Die im Zuge der Krise an den Finanzmärkten seit Ende Juli entstandenen Verluste hat der Brasilien-Index mittlerweile fast vollständig aufgeholt. Auf den Bovespa gibt es gebührenfreie Indexpapiere mit voller Dividendenberücksichtigung. Die Kauf-Verkauf-Spanne beträgt zwei Prozent. Je länger der Anlagehorizont, desto weniger fällt dieser Aufpreis ins Gewicht.

Die drei entscheidenden Kriterien beim Zertifikate-Kauf: die laufenden Gebühren, die Dividenden der Aktien und die Spanne zwischen Kauf und Verkauf. Denn aus diesen Quellen ziehen die Emittenten ihren Gewinn.

Die laufende Gebühr weist in der Regel der Verkaufsprospekt aus. Üblich sind ein bis eineinhalb Prozent pro Jahr – unabhängig, ob Kursgewinne oder Verluste gemacht werden. Die Gebühr fällt häufig dann an, wenn der Emittent selbst aktiv wird; etwa, indem er seinen Aktienkorb regelmäßig neu bestückt. Bis zu 1,5 Prozent Managementgebühr sind noch gut angelegt, wenn Anleger dafür alle Dividenden der Indexaktien bekommen. Ist dem Zertifikat ein so genannter Performance- oder Total-Return-Index unterlegt, spricht das dafür.

"Doch rund 90 Prozent der Schwellenländer-Indexprodukte beziehen sich auf Kursindizes, ohne dabei die Dividenden zu berücksichtigen", sagt Dirk Heß, Derivate-Experte von Goldman Sachs. "Nur wenige Indizes werden international wie der Deutsche Aktienindex Dax als Performanceindex samt Dividende berechnet." Zudem nutze Goldman Sachs wie die Konkurrenz auch bei exotischen Märkten häufig die Dividendeneinnahmen, um daraus Bonus- oder Garantiestrukturen zu konstruieren. Damit lassen sich dann im Gegensatz zum reinen Indexzertifikat Anlagen offensiver oder defensiver ausrichten.

Folgende Faustformel hat sich durchgesetzt: Verlangt ein Emittent für ein exotisches Zertifikat eine Management-Gebühr, so werden meist Dividenden berücksichtigt. Zertifikate ohne Dividendenberücksichtigung, erkennbar durch Preis- oder Kursindex unterlegt, sind in der Regel gebührenfrei. Immerhin beträgt die Dividendenrendite derzeit 3,3 Prozent. Der langjährige Durchschnitt liegt sogar bei vier Prozent.

Zwar spielt für kurzfristig orientierte Spekulanten die Dividende nur eine untergeordnete Rolle. Doch in dividendenstarken Märkten summiert sich das schnell. Beispiel Thailand: Der Aktienmarkt des südostasiatischen Tigerstaats hat sich nach dem Militärputsch im September 2006 von der schwachen Tendenz auf vielen Märkten abgekoppelt. 15 Prozent beträgt das Plus für den über Indexzertifikate verbrieften SET-50-Index über drei Monate, seit Jahresbeginn sind es sogar 44 Prozent. Von den Dividenden sehen Anleger mit den derzeit verfügbaren Indexzertifikaten allerdings nichts. Das ist vor allem dann bitter, wenn sie auf mehrere Jahre investieren.

Kurzfristig orientierte Anleger achten statt auf die Dividendenrendite stärker auf die Differenz zwischen An- und Verkaufskurs eines Zertifikats, ausgewiesen wird die maximale Spanne im Verkaufsprospekt. Diese Differenz zeigt, wie sehr der Wert des Zertifikats steigen muss, damit Anleger mit den Transaktionskosten überhaupt auf eine schwarze Null kommen.

Mit ihren Einnahmen aus Aufpreis, Gebühren und einbehaltenen Dividenden bestreiten die Banken die notwendigen Absicherungsgeschäfte. Sie sind nur Makler zwischen Zertifikate-Käufer und dem jeweiligen Anlagemarkt und spekulieren selbst nicht. Jedem Kauf und Verkauf eines Zertifikats steht deshalb auch ein entsprechendes Absicherungsgeschäft des Emittenten am Zielmarkt gegenüber.

Wichtig zu wissen: "In vielen exotischen Ländern wird nicht zu deutschen Börsenzeiten gehandelt, in muslimischen Ländern ist der Aktienmarkt zum Beispiel Donnerstags und Freitags geschlossen", sagt Holger Bosse, Zertifikate-Experte der Deutschen Bank. Kaufen deutsche Anleger etwa an einem Freitag ein Dubai-Zertifikat, ist der lokale Markt geschlossen. Der Handel ist zwar trotzdem möglich – doch die Banken lassen ihn sich mit einer Spanne zwischen Kauf und Verkauf von bis zu 4,5 Prozent reichlich bezahlen.

So lässt sich Geld sparen: Südamerikanische Papiere am späten Nachmittag deutscher Zeit ordern, asiatische Zertifikate am frühen Morgen. Dann dürfte der Spread etwas geringer ausfallen.

Für Druck auf die Gebühren sorgt seit Kurzem das steigende Engagement der Indexfondsanbieter. Wie Zertifikate werden Indexfonds (Exchange Traded Funds ETFs) an der Börse gehandelt. Wie Indexzertifikate folgen auch diese Papiere genau dem Auf und Ab eines Aktienindex. Die Unterschiede: Mit Indexfonds ist das Geld der Anleger auch bei einem Konkurs des Anbieters als Sondervermögen geschützt. Zudem erhalten Anleger die Dividenden der Indexaktien nach Abzug der Steuern gutgeschrieben. Allerdings fällt dafür eine jährliche Managementgebühr an.

Bei allen Chancen mit Exoten: Hohe Kursausschläge sind an der Tagesordnung. Nicht nur das, auch der freie Handel kann eingeschränkt werden. In den Wertpapierprospekten behalten sich die Banken ausdrücklich vor, bei so genannten Marktstörungen – das sind etwa kriegerische Auseinandersetzungen – den Handel mit den Zertifikaten über Wochen oder gar Monate auszusetzen. Das Geld ist damit nicht verloren. Aber gute Nerven sollte man schon haben, wenn es gilt, untätig abwarten zu müssen, bis der Handel wieder läuft.

Christian Kirchner
Christian Kirchner
Handelsblatt / Geschäftsführender Redakteur New Investor
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