Branchenprimus ABN Amro bringt neue Produktgeneration ohne Laufzeitbegrenzung heraus
Hebel-Produkte starten durch

Die Deutschen sind Europameister im Spekulieren: Nirgendwo verkaufen sich Investment-Zertifikate mit Hebeleffekt so gut wie hier zu Lande. Heute bringt Branchenführer ABN Amro eine neue Produktgattung auf den Markt. Die so genannten „Mini-Futures“ erlauben erstmals spekulative Wetten ohne Zeitlimit.

FRANKFURT/M. Das Geschäft mit Börsengängen ist fast zum Erliegen gekommen. Doch die Emission so genannter Hebelprodukte boomt seit ihrer Einführung vor etwa einem Jahr. Und in jüngster Zeit zieht das Tempo noch weiter an. „Pro Börsentag kamen diesen Monat 33 neue Hebelprodukte auf den Markt“, sagt Derivate-Spezialist Jan Decken vom Finanzportal Onvista AG. In den Vormonaten gab es nur gut 20 Neuerscheinungen pro Tag.

Vor allem sehr aktive Anleger setzen auf die chancen- und risikoreichen Hebel-Zertifikate. Denn sie ermöglichen es, überproportional an der Entwicklung einer Basisgröße – Aktienindex, Einzelaktie oder Rohstoffpreis – teilzunehmen.

Marktführer ist hier zu Lande die niederländische Bank ABN Amro, die heute eine neue Produktgeneration auflegt: Die so genannten „Mini Futures“ sind die ersten in Deutschland handelbaren Hebel- Zertifikate, die keine Laufzeitbegrenzung haben.

Bei der Turbo-Variante, mit der Anleger auf steigende Kurse setzen, sind statt eines einmaligen Aufgeldes laufende Finanzierungskosten fällig. Bei der Short-Variante (Wette auf fallende Kurse) bekommen die Zertifikate-Käufer Zinsen gut geschrieben.

Eine zweite Besonderheit der neuen Produkte: Die so genannte Stop-Loss-Marke, bei der die Investmentposition aufgelöst wird, verändert sich im Zeitablauf. Wer kurzfristig spekuliert, für den fallen diese Merkmale allerdings kaum ins Gewicht.

Kurz hinter ABN Amro folgt in der Emittentenrangliste die Deutsche Bank, die ihre strukturierten Produkte unter dem Titel „X-Markets“ bündelt. Auch BNP Paribas und Commerzbank zählen zu den größeren Emittenten, die sich in dieser boomenden Nische des ansonsten darnieder liegenden Wertpapierhandels tummeln.

Der Handelsumsatz an allen Deutschen Börsen mit Zertifikaten hat sich im September gegenüber dem Vorjahr mehr als verdoppelt. Insgesamt wechselten im September Zertifikate für mehr als eine Milliarde Euro den Besitzer. Der tatsächliche Umsatz mit Hebelprodukten dürfte noch höher liegen, da viele Anleger außerbörslich direkt mit den Emittenten handeln. Das gilt vor allem für Großanleger.

„Etwa sechzig Prozent des Umsatzes mit Zertifikaten entfallen derzeit auf Hebelprodukte“, sagt Florian Schopf, Sprecher der Euwax Broker AG in Stuttgart. „Der Markt wird vor allem von kurzfristig orientierten und sehr aktiven Anlegern bestimmt“, so Schopf. Stephan Kunze, Europachef für strukturierte Produkte bei ABN Amro drückt es deutlicher aus: „Es gibt fast nur noch Zocker im Markt, der klassische Kaufen-und-Halten-Anleger hat sich fast völlig verabschiedet“.

Deshalb konzentrieren sich die Produktentwickler der Banken derzeit auf Produkte mit Hebel-Effekt. Dagegen spielen einst populäre Themen-Zertifikate, die etwa auf besonders dividendenstarke Aktien oder bestimmte Branchen setzen, nur noch eine geringe Rolle.

Doch nicht nur spekulative Privatanleger nutzen Hebel-Produkte. Auch Vermögensverwalter sichern Depots ihrer Kunden damit vorübergehend gegen Verluste ab. So zählt auch der Jens Erhardt, der den Ruf eines Aktienpapsts genießt, zum anschwellenden Kundenkreis der Zertifikate-Emittenten.

Deutschland ist europaweit mit Abstand der größte Markt für diese Investmentform. Grund: Die Zertifikate ähneln in ihrer Struktur klassischen Terminmarktkontrakten. Die weltgrößte Terminbörse Eurex in Frankfurt ist aber für Privatanleger und selbst kleinere Vermögensverwalter nur schwer zugänglich – auf Grund strikter Regulierung und hoher Mindestsummen. Durch die neuen Mini-Futures von ABN Amro rücken die Hebel- Zertifikate noch näher an echte Terminkontrakte heran.

Die zweite Alternative zu Hebelzertifikaten sind Optionsscheine. Hier ist jedoch die volatilitätsabhängige Preisbildung für viele Anleger schwer durchschaubar. Hinzu kommt, dass die Margen der Banken im Schnitt höher sind – zu Lasten der Investoren. Deshalb schwenken immer mehr Anleger auf Hebel-Zertifikate um. Dieses Jahr haben sie den Optionsscheinen erstmals den Rang beim Umsatzvolumen abgelaufen.

Der Wettbewerb für die Banken ist bei den Zertifikaten hart. „Nur die größten drei oder vier Emittenten dürften in diesem Segment Geld verdienen“, sagt ABN-Amro-Mann Kunze. Er erwartet, dass einige kleinere Anbieter sich bald aus dem Geschäft verabschieden.

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