Dax-Ausblick
Willkommen in der Wirklichkeit

Im Juni wird es ernst für Griechenland: Mehr als eine Milliarde Euro sind fällig, neue Kredite nicht in Sicht. Anleger macht das nervös. Das eigentliche Problem des schwächelnden Aktienmarkts sehen Experten anderswo.
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DüsseldorfDer Schuldenstreit um Griechenland ist ein wenig wie eine Seifenoper. Jeden Tag passiert etwas, aber so richtig voran geht die Geschichte nicht. Monate nach dem Regierungswechsel hat der Krisenstaat den Weg aus der Schulden noch immer nicht gefunden; alle Verhandlungen mit der EU sind gescheitert. Doch selbst wenn der Juni der bislang heißeste Monat im Verhandlungsmarathonwerden sollte: Anleger dürften das Risiko kennen, eingepreist haben – und einigermaßen gewappnet sein.

Experten rechnen für die kommende Woche zwar mit einiger Nervosität am Markt. Schon jetzt kratzt Griechenland jeden Penny zusammen, den es noch finden kann, um Rentner und Beamte zu bezahlen. Am Freitag muss das Land dann dem Internationalen Währungsfonds (IWF) einen 300-Millionen-Euro-schweren Kredit zurückbezahlen. Dennoch glaubt kaum einer, dass es zu deutlichen Verwerfungen am Markt kommen wird. Denn der finale Kollaps Griechenlands dürfte ausbleiben. Selbst, wenn Griechenland am Freitag die Rate an den IWF nicht vollständig aufbringen kann, wäre noch nicht alles vorbei.

„Wenn die Athener Regierung den IWF-Kredit nicht zurückzahlen kann, ist eine Staatspleite Griechenlands und ein Ausscheiden aus der Euro-Zone („Grexit“) nicht die automatische und unmittelbare Folge“, schreibt etwa die Commerzbank in ihrem Wochenausblick. Der europäische Rettungsfonds ESM werde kaum von seinem Recht Gebrauch machen, seine Hilfen umgehend zurückzufordern. Außerdem werde die Europäische Zentralbank (EZB) die griechischen Geschäftsbanken sicher mit Hilfe von Notfall-Krediten flüssig halten.

„Die Euro-Politik wird einen Staatsbankrott Griechenlands, der auch den Euro-Austritt des Landes zur Folge hätte, verhindern“, glaubt auch Robert Halver, Aktienstratege bei der Baader Bank. Obwohl der Grexit wirtschafts- und finanzpolitisch dringend geboten sei, würden den Finanzmärkten durch die Beibehaltung des Status Quo zunächst einmal Turbulenzen erspart. Der politische Willen, die Euro-Zone in ihrer jetzigen Form zusammenzuhalten, dürfte also weiter über den reinen „Fakten“ stehen.

Und so sehen etwa die Experten der Helaba nicht die Griechenlandkrise als eigentlichen Stimmungskiller auf dem Parkett. Ein möglicher „Grexit“ sei nur vordergründig für die derzeitigen Schwankungen bei Dax und Co. verantwortlich, heißt es im Wochenausblick. Stattdessen sei man wieder in der Wirklichkeit angekommen. „Aktien haben bereits zu viel Positives vorweggenommen und sind nicht zuletzt aufgrund der hohen Bewertung anfällig für eine deutlichere Korrektur“. In der vergangenen Woche hat der Dax satte 2,2 Prozent verloren; seit März bewegt er sich seitwärts.

Auch Baader-Bank-Experte Halver sieht die Situation an den Aktienmärkten mittlerweile mehr in der Realität angekommen: Die überhitzte Situation an den Aktienmärkten habe sich „deutlich zurückgebildet“. Dass sich die Korrektur in der nächsten Zeit verstärken könnte, glaubt Halver dagegen nicht – weder am deutschen Aktienmarkt noch anderswo. „Grundsätzlich ist die üppige Liquiditätspolitik eine Art Vollkaskoversicherung gegen markante Aktieneinbrüche“, so Halver. Aufgrund schwacher Konjunkturdaten seien Sorgen über ein Ende der Liquiditätshausse derzeit aber „unbegründet“.

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