Derivate ersetzen Sportwetten
Fußball-Zocker an der Börse

Das Glücksspiel ist eine der Lieblingsbeschäftigungen der Menschheit. Auch die Deutschen sind ein Volk der Glücksjäger. Jährlich setzen sie - mit steigender Tendenz - 7,5 Mrd. Euro ein, um bei staatlichen Glücksspielen im Lotto, Toto und bei Sportwetten zu Reichtum zu gelangen. Letztere sollen jetzt in Form von Zertifikaten hoffähig gemacht werden.

FRANKFURT. Ungeachtet aller desillusionierenden Wahrscheinlichkeitsrechnungen ist ein klarer Aufwärtstrend bei Glücksspielen zu konstatieren. Mit der Einführung von Sportzertifikaten an der Berliner Börse und auf der Handelsplattform Tradegate hat das Thema Sportwetten auch den Kapitalmarkt erreicht.

Dem spekulierenden Sportfreund bieten sich dadurch bessere Möglichkeiten, Risiken und Chancen zu steuern. Denn dass nur 50 Prozent des Einsatzes von staatlichen Lotteriegesellschaften in Form von Gewinnen wieder an die Zocker zurückfließt, demotiviert nicht. Durch die Aktivitäten privater Anbieter und das Interesse von Börsen ist der Markt beim Thema Sportwetten in Bewegung.

Abgeschlossene Wetten (gekaufte Zertifikate) können im Verlauf des Sportereignisses anhand verschiedener Faktoren (Form der Sportler, Verletzungen, Spielresultate) überdacht werden. Die Zertifikate können also über die Börse wieder verkauft werden. Bei traditionellen Sportwetten besteht der Nachteil, dass das Ende des Events abgewartet werden muss.

An der Berliner Börse werden 17 auf die Fußball-EM bezogene Sportzertifikate gehandelt. Sport- und Wettbegeisterte können in einem regulierten Markt auf Sportereignisse setzen, indem sie Sportwetten in Form von Zertifikaten kaufen und verkaufen. Die Zertifikate wurden von der Extra Sportwetten AG in Wien - einer Tochter der Berliner Effektengesellschaft - emittiert. Bei "Meisterzertifikaten" erhält der Anleger eine Rückzahlung von 100 Euro, wenn das Team, auf das das Zertifikat emittiert wurde, Europameister wird. Anderenfalls verfallen die Zertifikate wertlos.

Neu ist das "Nicht-Deutschland-Zertifikat". Scheitert die DFB-Auswahl, kann der engagierte deutsche Fan das vor der Partie gegen Kroatien bei rund 80 Euro gehandelte Zertifikat als Trostpflaster sehen: Er erhält in diesem Fall 100 Euro. Gewinnt das deutsche Team, verfällt das Zertifikat wertlos.

Professionelle Wertpapierhändler nutzten die niedrigen Kurse der Außenseiter Russland und Rumänien zuletzt für den Einstieg, um von einem möglichen Kursanstieg der Zertifikate zu profitieren, der durch das Erreichen der Viertelfinalspiele dieser beiden Teams ausgelöst würde. "Wir haben unsere Handelsplattform auch während der Spiele eingeschaltet", heißt es bei Tradegate in Berlin. Während des Spiels Italien gegen Holland kam es innerhalb von Minuten zu einem starken Kursanstieg des Niederlande-Zertifikats und einem Verfall des Italien-Papiers.

"Wir wollen das Produkt Sportzertifikate etablieren und nutzen die EM als Marketingaktion", sagt Holger Timm, Vorstand der Berliner Effektengesellschaft. Große Pläne hat er im Hinblick auf die kommende Fußball-Bundesliga-Saison: "Hier sollte es allein wegen der langen Saison starkes Interesse geben." Wer dem deutschen Team den Turniersieg zutraut, musste vor dem Kroatien-Spiel für ein "Deutschland-Meisterzertifikat" übrigens rund 22,50 Euro zahlen.

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