Deutschland ist das Paradies für Optionsscheinhäuser. Zertifikate sind weiter auf dem Vormarsch.
Der Derivatemarkt wächst dynamisch

Gebeutelt von Verlusten ziehen sich Anleger vom Aktienmarkt zurück, doch Derivate sind nach wie vor gefragt. Nie gab es so viele Optionsscheine und Zertifikate in Deutschland wie heute: Über 23 000 Optionsscheine sind es bereits und über 8 500 Zertifikate.

Die Umsätze steigen insbesondere bei Zertifikaten an. Schätzungen der Deutschen Bank zufolge wird der Umsatz bei Hebelprodukten und Zertifikaten dieses Jahr bei rund 140 Mrd. Euro liegen. Die Palette der Derivate wird dabei vielfältiger. Emittenten weiten ihr Angebot der abgeleiteten Finanzinstrumente auf immer mehr Basiswerte - Aktien, Indizes, Anleihen und Rohstoffe - aus.

Für Anleger eröffnet dies einerseits mehr Möglichkeiten für Investitionen - das heißt auch: bessere Vergleichschancen. Andererseits ist es oft schwer, die vielen Finanzinnovationen zu verstehen. So wird es für Investoren immer wichtiger, Risikoprofile der Kontrakte zu verstehen, bevor sie sich für einen Kauf entscheiden.

Ein Produktschlager bleiben Indexzertifikate, die leicht zu verstehen sind, bilden sie doch die Bewegung des Kursbarometers 1 : 1 ab. Und es gibt keine Ausgabeaufschläge oder Managementgebühren - daher machen die Produkte den Fonds ernsthafte Konkurrenz, insbesondere, da es viele ohne Laufzeitbegrenzung am Markt gibt. "Auch in den letzten Wochen waren Indexprodukte stärker gefragt als Produkte auf Einzelwerte", sagt Citibank-Sprecherin Monika Schaller mit Blick auf Zertifikate und Optionsscheine.

Der Renner auf dem Derivatemarkt in den letzten anderthalb Jahren waren jedoch Knock-out-Produkte, oft "Turbos" genannt. Jörg Leichinger von der Euwax Broker AG bestätigt: "Knock-out-Produkte liegen nach wie vor im Trend." Vor allem bei Investments auf Indizes, Währungen und Waren seien diese Produkte gefragt. Das Gros werde allerdings bei Indexprodukten auf den Dax umgesetzt.

Wie Thorsten Michalik von der Deutschen Bank erklärt, weisen diese Produkte nicht die Nachteile der Standard-Optionsscheine auf: Die Knock-out-Papiere seien das größtenteils von der Volatilität - der erwarteten Schwankungsbreite der zu Grunde liegenden Aktie - unabhängig. Doch ebenso wie Optionsscheine wiesen sie einen Hebel auf; dabei geht es um die Chance, mit geringem Geldeinsatz hohe Gewinne einzufahren. Risikolos sind die Papiere aber nicht: Wenn der Kurs der Aktie auf oder unter einem bestimmten Niveau notiert, wird das Knock-out-Produkt wertlos.

Eine weitere Derivate-Gattung hat sich mittlerweile am Markt etabliert, die Aktien Konkurrenz macht: Discountzertifikate. Sie funktionieren wie folgt: Das Zertifikat wird im Vergleich zur Aktie mit einem Abschlag (Discount) zum aktuellen Aktienkurs ausgegeben. Wichtig zu wissen ist: Das Papier ist günstiger zu kaufen als die Aktie, weil seine Gewinnchancen durch einen Höchstbetrag (Cap) begrenzt sind. Steigt die Aktie über den Cap, hat der Anleger das Nachsehen.

In den unsicheren Börsenzeiten erfreuen sich darüber hinaus Garantiezertifikate hoher Beliebtheit, berichten Commerzbanker Christopher Maaß und Citibankerin Schaller.

Zahlreiche Experten weisen darauf hin, dass es für Optionsscheinfans momentan wieder gute Einstiegschancen gibt. Die Volatilität ist derzeit vergleichsweise niedrig, wie auch am Volatilitätsdax (VDax) abzulesen ist. Sinkt die Volatilität weiter, fallen auch die Optionsscheinpreise, und dem Anleger bieten sich so manche Schnäppchenangebote. Außerdem ist mittelfristig wieder ein Anstieg der Volatilität zu erwarten, so dass der Wert der frisch erworbenen Optionsscheine in die Höhe schnellen dürfte. Schließlich zieht eine steigende Volatilität die Optionspreise nach oben (siehe "Termingeschäfte werden zu Unrecht als Teufelszeug abgestempelt"). Maaß ergänzt: In einem Umfeld weiter sinkender Volatilitäten können Optionsscheine gegenüber Turbozertifkaten wieder Boden gutmachen. Zuletzt wurden die Standard-Optionsscheine von Investoren weniger beachtet, hat auch Leichinger beobachtet.

Darüber hinaus stellt Schaller fest: "Anleger tendieren in den letzten Wochen dazu, Positionen länger zu halten." Experten der Citigroup werten dies als ein erstes Indiz dafür, dass Kunden, die in den sehr volatilen Monaten aus dem Optionsscheinmarkt verschwunden waren, nun langsam wieder zurückkommen. Da wird so manch einer nach den Verlusten am Aktienmarkt durch den vielzitierten Hebel angelockt. Aber Vorsicht, Anleger: Der Hebel funktioniert auch andersherum.

Quelle: Handelsblatt Nr. 108 vom 06.06.03

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