Die Zahl der Garantiezertifikate in Deutschland steigt - Eine neue Generation von Papieren bietet gegenüber herkömmlichen Produkten Steuervorteile
In turbulenten Zeiten sind Kapitalgarantien gefragt

Bei der schwächelnden Börse greifen Anleger verstärkt nach Garantiezertifikaten, nach dem Motto: möglichst jeglichen Verlust vermeiden. Doch genau hinsehen lohnt sich - nicht alle Papiere bieten eine 100-prozentige Kapitalgarantie. Außerdem haben manche Zertifikate steuerlich gesehen Nachteile.

FRANKFURT/M. Garantie ist in Baissezeiten ein Zauberwort, das Investoren anlockt. Prompt legen die Banken fleißig neue Produkte auf. Das recht junge Segment - Anfang der neunziger Jahre kam das erste Papier auf den Markt - ist mittlerweile etabliert: An der Stuttgarter Derivatebörse Euwax und im Freiverkehr in Stuttgart sind bereits 80 Zertifikate mit Kapitalgarantien gelistet. Marktführer an der Euwax ist die WestLB mit 18 Papieren, gefolgt von UBS und der Deutschen Bank, berichtet Florian Schopf von der Euwax Broker AG.

Mit solchen Zertifikaten können Anleger auf einen Index, eine Branche, eine Region oder einzelne Aktien setzen. Allen Papieren gemeinsam ist eine Kapitalgarantie am Laufzeitende: Der Investor erhält sein Geld entweder komplett zurück oder einen Teil davon. Die Kapitalgarantie ist nicht umsonst zu haben: Anleger bezahlen sie meist damit, dass sie an der Kurssteigerung des Basiswertes - zum Beispiel eines Index - nicht in vollem Umfang teilhaben, sondern nur zu dem Prozentsatz, den die Partizipationsrate angibt.

Die herkömmlichen Garantiezertifikate sind von den so genannten Garantiespannenzertifikaten zu unterscheiden. Die Auszahlung bei den herkömmlichen Produkten liegt immer mindestens auf Höhe des Garantieniveaus. Bei der zweiten Gruppe gibt es eine hundertprozentige Garantie nur dann, wenn der Index in einer bestimmten Bandbreite liegt, wie Joachim Rohrmann von der Deutschen Bank erklärt. Der Schutz vor Verlusten ist daher niedriger.

Christopher Maaß von der Commerzbank gibt ein Beispiel: Bei dem Europa-Strategie-Zertifikat seines Hauses hat der Anleger zu 70 Prozent an den Kursentwicklungen des Dow Jones Euro Stoxx 50 teil. Ein 25-prozentiger Airbag zum Laufzeitende schützt den Investor in dieser Höhe vor Kursverlusten. Bei einem Indexrückgang innerhalb dieses Bereichs erhält der Anleger 100 Prozent des eingesetzten Kapitals (abzüglich Ausgabeaufschlag) am Laufzeitende zurück. Bei darüber hinausgehenden Kursverlusten fällt das Zertifikat zwar prozentual stärker als der Euro Stoxx 50; auf Grund des anfänglichen Puffers wird ein Großteil der Verluste abgefedert, so dass das Papier per saldo weniger nachgibt als der Index. Bricht der Euro Stoxx 50 um 40 Prozent ein, verliert das Papier 20 Prozent, bei einem Rückgang von 50 Prozent sinkt das Zertifikat um 33,3 Prozent.

Der entscheidende Punkt bei den Papieren ist die unterschiedliche steuerliche Behandlung: Garantiezertifikate werden als "Finanzinnovation" eingestuft, weshalb die Erträge jederzeit zu besteuern sind. Dagegen fallen Garantiespannenzertifikate nicht in diese Kategorie, so dass ihre Erträge nach der einjährigen Spekulationsfrist steuerfrei sind. Das jedenfalls ist die Auslegung der heutigen Steuergesetzgebung durch die Emittenten, der Gesetzgeber hat sich hierzu noch nicht klar geäußert. Zwar spricht einiges dafür, dass der Anleger diese Deutung seinem Finanzamt klarmachen kann, doch eine absolute Sicherheit gibt es nicht - das sollten Investoren wissen.

Ebenfalls wichtig ist: Zertifikate sind Schuldverschreibungen. Der Anleger wird Gläubiger des Emittenten, indem er ihm während der Laufzeit des Papiers Geld überlässt. Eine Garantie ist immer nur so viel wert wie die Bonität des Finanzinstituts, das sie gewährt. Speziell bei Papieren unbeschränkter Laufzeit sollte der Investor darauf achten, nur Emittenten mit guter Bonität auszuwählen. Das ist übrigens bei Garantiefonds anders; dabei handelt es sich um ein ausgegliedertes Sondervermögen, das den Inhabern der Fondsanteile entsprechend ihrer Beteiligung zusteht. Selbst wenn die Bank, die den Fonds betreut, oder die Kapitalanlagegesellschaft Konkurs anmeldet, ist das Fondsvermögen vor dem Zugriff Dritter geschützt, denn es gehört der Bank nicht. Abgesehen davon haben Garantiefonds gegenüber Garantiezertifikaten einen Steuervorteil, werden doch die Gewinne bis auf den Zinsertrag in der Regel nach einem Jahr steuerfrei. Doch die Fonds haben als Nachteil oft deutlich höhere Nebenkosten.

Wer Zertifikate kauft, sollte nicht dem Irrtum aufsitzen, die Rückzahlungsgarantie als Vollkaskoschutz gegen Kursverluste während der Laufzeit zu verstehen. Da ja der Wert eines Zertifikats von der Entwicklung des Index oder Aktienkorbes abhängt, schwankt das Papier im Gleichklang mit diesem Basiswert. Anlegern, die vor dem Ende der Laufzeit verkaufen wollen, hilft die Garantie nichts.

In der gegenwärtigen Börsenlage ist für manche Investoren die relative Sicherheit vor Verlusten wichtig; für sie sind die Garantiepapiere eine gute Alternative zu anderen Zertifikaten - vor allem, wenn Anleger keine Lust oder Nerven haben, sich Zertifikatekonstrukte mit anderen Finanzprodukten selbst nachzubauen (siehe "Produkte im Eigenbau"). Übrigens gibt es auch Möglichkeiten, ein Zertifikat nach eigenen Wünschen kreieren zu lassen (siehe "Produkte nach Mass").

Wichtig vor dem Kauf der Papiere ist die eigene Einschätzung des Marktes: So sind Garantiespannenzertifikate dann interessant, wenn man mit einem Ende der Baisse - also nicht mehr mit extremen Kursrückschlägen - rechnet.

Produkte nach Mass

Zertifikate sind häufig keine besonders transparenten Produkte. Weil es unendlich viele Varianten gibt, können Anleger die Angebote nur schlecht vergleichen. Die Kosten werden in der Regel nicht offen ausgewiesen, sondern verstecken sich in den Ausgabekonditionen.

Die Firma Rhein Asset Management AG in Düsseldorf geht daher einen alternativen Weg. Bei ihr können sich Kunden ein Zertifikat nach ihren persönlichen Wünschen konstruieren lassen. Anschließend holen die Vermögensberater von verschiedenen Banken Angebote herein und vergleichen sie. Weil das Konzept bei allen Banken in diesem Fall identisch ist, wird der Markt transparenter. Dafür muss der Kunde aber die Marge von Rhein Asset Management mitbezahlen. Sie liegt nach Aussage von Christian Kratz, einem der beiden Vorstände, in der Regel zwischen 0,3 und 0,5 % jährlich, bezogen auf den angelegten Betrag. Diese Marge ist ebenso wie alle anderen Kostenbestandteile in das Produkt eingebaut, wird also nicht extra ausgewiesen.

Für den Kleinsparer wird das Zertifikat nach Maß allerdings nicht konstruiert. Je nach Ausgestaltung sollte die Summe schon bei zwei, fünf oder sieben Millionen Euro liegen, sagt Martin Stötzel, der andere der beiden Vorstände.

Stötzel und Kratz, die beide vorher bei Großbanken gearbeitet haben, gründeten das kleine Viermann-Unternehmen im Jahr 1998. Sie legen pro Jahr etwa fünf bis sechs Produkte mit durchschnittlich fünf Millionen Euro Volumen auf. Ihre Kunden sind in erster Linie reiche Privatleute, von denen viele mit aktiv gemanagten Depots schlechte Erfahrungen gemacht haben. "Wir sehen hier viele traurige Gesichter", sagt Stötzel. Im Vordergrund stehen Konzepte mit einer Absicherungskomponente, die häufig durch den Verzicht auf Dividenden finanziert wird. Für den Kunden ergibt sich allerdings ein Risiko aus der Bonität des Emittenten - in diesem Punkt hat er mit seiner verhältnismäßig hohen Anlagesumme keine Streuung. Dabei ist es sogar möglich, niedrigere Bonitäten, etwa der Deutschen Telekom, in das Produkt zu integrieren, was die Rendite im Gegenzug zu dem höheren Risiko aufbessern sollte.

Die beiden Vorstände haben bisher noch keinen am Markt beobachtet, der genauso arbeitet wie sie. "Dabei ist die Einstiegsschwelle eigentlich gar nicht so hoch", meint Stötzel. fw.

Produkte im Eigenbau

Ob Fonds oder Zertifikat: Hinter den meisten Garantieprodukten steckt die gleiche Konstruktion. Im Prinzip kann die auch jeder Anleger nachbauen: Der Investor kauft von dem eingezahlten Kapital Zero-Bonds und Optionen. Zero-Bonds sind abgezinste Anleihen, die unter dem Nennwert notieren, zum Beispiel zu 80 Prozent.

Am Ende der Laufzeit werden diese zu 100 Prozent zurückgezahlt. Das sichert das eingesetzte Kapital. Der Rest des Startkapitals fließt dann in Call-Optionen (Kauf-Optionen) oder Optionsscheine auf einen Index. Durch ihre Hebelwirkung ermöglichen diese mit relativ geringem Kapitaleinsatz eine volle Beteiligung an der Wertentwicklung. Ähnlich wie bei einem Garantiefonds sind hier die Zinserträge steuerpflichtig, die eventuellen Optionsgewinne nicht - sofern die Haltedauer mindestens ein Jahr beträgt. Eine alternative Konstruktion wäre der Erwerb von Einzelaktien, die mit Put-Optionen (Verkaufsoptionen) abgesichert werden. In der Regel ist hier das Investment aber nicht so breit gestreut und außerdem aufwendig. nac

Quelle: Handelsblatt Nr. 047 vom 07.03.03, Seite 39

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%