Festgeld-Ersatz
Zweifelhafte Geschäfte mit Zinsanleihen

Deutsche Banken geben immer häufiger Zinsanleihen aus - eher selten sammeln sie noch langfristig angelegtes Kapital von ihren Privatkunden ein. Diese wiederum kaufen die Stufenzins-Anleihen als Festgeld-Ersatz. Im Nachbarland Österreich sind viele der strukturierten Zinsprodukte bereits verboten.
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FRANKFURT. Die deutschen Banken sammeln kaum noch langfristig angelegtes Kapital von ihren Privatkunden ein. Dabei brauchen die Institute dringend Geld, denn damit finanzieren sie ihr Kreditgeschäft. Auf Festgeld aber zahlen sie nicht mehr als 1,5 Prozent Jahreszins. Stattdessen geben sie immer öfter Zinsanleihen aus. Die kapitalgarantierten Papiere versprechen eine sichere Rendite zwischen jährlich 2,5 und drei Prozent. Statt der Orientierung an einem Basiswert legen die Banken eine Zinszahlung fest. Erst am Laufzeitende haben Anleger die Chance auf zusätzlichen Kupon, abhängig etwa vom Euribor, dem Interbankenzins.

Stufenzins-Anleihen sind als Ersatz für Festgeld der Renner, freut sich die deutsche Zertifikatebranche. Spekulieren sie auf einen steigenden Euribor, können Anleger davon auch profitieren. In Österreich jedoch klagen Verbraucherschützer wegen Anlageprodukten mit ähnlicher Struktur. Die Papiere heißen Anleihe, sind aber Wetten gegen die Bank. Vor allem österreichische Sparkassenkunden investieren seit 2004 in Zinsanleihen, die im ersten Laufzeitjahr hohe Zinsen versprechen, später aber von der entgegengesetzten Entwicklung des Euribor abhängen. Der Verein für Konsumenteninformation (VKI) erhob bereits Verbandsklage gegen die Erste Bank und die Bank Austria. In erster Instanz gab das Handelsgericht Wien dem VKI Recht: Zinsanleihen, die sich am fallenden Euribor orientieren, sind gesetzeswidrig. Ihre Struktur ist von Privatanlegern nicht nachvollziehbar, das einseitige Kündigungsrecht der Emittentin eine "gröbliche Benachteiligung" und die während der Laufzeit geringere Zinszahlung der Papiere ist eine "unzulässige Leistungsänderung".

Das Wiener Oberlandesgericht (OLG) entschied nun in zweiter Instanz, dass spezielle Zinsanleihen gesetzeswidrig sind. Die Zinsstruktur des so genannten Snowball Bond X, der die Zahlungen auch einstellen kann, ist unrechtmäßig. Die Erste Bank darf sich damit nicht mehr auf ihre Zinsklauseln berufen. "Anleger könnten jetzt den hohen Zins einfordern, mit dem sie einst gelockt wurden", sagt Peter Kolba, Rechtsexperte des VKI. Die Erste Bank müsste dann bis zum Laufzeitende im Jahr 2015 rund acht Prozent Zinsen je Schein zahlen. Vorerst machen die österreichischen Anleger aber nur Verlust mit Snowball-Bond-X. "Das Papier wird definitiv keine weitere Auszahlung bringen", sagt Markus Kaller, Derivateexperte bei der Ersten Bank. "Aber Snowball VIII bis XI zahlen Kupons aus." 4,16 Prozent soll die Snowball-XI-Anleihe (ISIN AT0000302138) noch bringen, sagt der Experte. Das Papier läuft allerdings schon am 20.12.2009 aus.

"Zuerst haben alle Zinsanleihen gut performt, aber dann hat sich der Markt gedreht und die Investoren konnten mit einigen Strukturen keinen Gewinn mehr machen", sagt Kaller. Die österreichischen Anleger können vorerst keine Zinsanleihe mehr auf die inverse Entwicklung des Euribor kaufen, solange die rechtliche Lage nicht geklärt ist. Doch die Erste Bank will gegen das Urteil des OLG Wien vorgehen. Der Oberste Gerichtshof, die höchste zivilrechtliche Instanz Österreichs, erklärte die Revision bereits für zulässig.

Wichtig für deutsche Investoren von Zinsanleihen ist, dass sie ihre Papiere nicht vor Fälligkeit verkaufen. Denn die Scheine können an der Börse unter ihrem Nennwert notieren. Auch steigt bei den deutschen Zinsanleihen die Zinszahlung mit der Laufzeit. Je länger die Investoren die Papiere halten, desto höher kann ihre Gesamtrendite noch ausfallen.

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