Lehman-Zertifikate
Lehman: Als die Witwe aufs Ganze ging

Die Pleite der Lehman Brothers hat nicht nur die Banken weltweit in finanzielle Schwierigkeiten gebracht: Rund 50 000 Kleinsparer haben durch Zertifikate der amerikanischen Bank insgesamt knapp eine Mrd. Euro verloren. Jetzt kämpfen sie um ihr Geld.

DÜSSELDORF. Maria Blom*, 72, stark gehbehindert, hat bis 2008 ein bescheidenes Leben geführt. Das Reiheneckhaus in Leverkusen, das sie und ihr verstorbener Mann sich vor über 30 Jahren geleistet haben, war ihre einzige große Investition. "Ich bin eine Pfennigfuchserin", sagt die zierliche Frau mit den lebhaften Augen und legt ihre Krücke neben sich auf das gemusterte Sofa, "ich habe mir in meinem Leben nur wenig gegönnt." Das eisern Ersparte hatte sie konservativ angelegt, immer bei der Citibank, in einen Rentenfonds zum Beispiel.

Doch dann, im April 2008, ging die kränkelnde Witwe aufs Ganze. 50 000 Euro, einen Großteil ihrer Ersparnisse, legte sie in einem "Alpha Express Zertifikat" an. Es war eine Wette darauf, dass sich der DivDax - eine Auswahl von dividendenstarken Dax-Firmen - besser entwickelt als der Dax. Im günstigsten Fall würden aus ihren 50 000 Euro nach fünf Jahren 85 000 Euro werden. Im ungünstigsten Fall drohte der Totalverlust - nämlich dann, wenn sich der DivDax deutlich schlechter entwickeln würde als der Dax oder wenn der Emittent pleite ging. Im April 2008: Da war die IKB längst in Schieflage geraten. Die US-Bank Bear Stearns war gerade in einer dramatischen Rettungsaktion von JP Morgan übernommen worden.

Blom, die sich mit Eichenmöbeln und Grünpflanzen eingerichtet hat, wusste von den Risiken ihrer Anlage nichts. Sie ist eine der vielen , die sich von ihrem Bankberater ein Lehman-Zertifikat aufschwatzen ließen. Dass Zertifikate Inhaberschuldverschreibungen sind, bei denen im Fall der Insolvenz des Emittenten der Totalverlust droht, erfuhren die meisten Anleger nicht. Rund 50 000 Sparer haben durch die Lehman-Pleite insgesamt knapp eine Mrd. Euro verloren und kämpfen jetzt um ihr Geld.

Auch Maria Blom. Sie kennt den Dax aber nicht den DivDax. Dass Lehman als Emittent hinter ihrem "1 000 Prozent sicheren" Papier steckte, wie der Berater sich ausdrückte, hatte er nicht erwähnt. "Ich hab? da was Besseres für Sie", habe er sie angesprochen. Den langweiligen Rentenfonds wollte er austauschen. Ihre Frage, ob die Anlage sicher sei, habe er mehrfach bejaht.

Mehrere Urteile hat es in Fällen wie diesem bereits gegeben, die letzten fielen allesamt zugunsten der geschädigten Anleger aus. Es war Falschberatung. Banken, die Lehman-Papiere besonders aggressiv verkauft hatten, wie etwa die Citibank oder die Hamburger Sparkasse, haben "aus Kulanzgründen" einem Teil der Betroffenen Entschädigungen gezahlt. Die Citibank bedenkt anhand einer gemeinsam mit der Verbraucherzentrale NRW ausgearbeiteten Kriterien-Liste die schwersten Fälle. Blom, die ihre Ersparnisse vor allem für den Fall braucht, dass sie ins Pflegeheim muss, ging dabei leer aus.

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