Lehman-Zertifikate
Traum und Trauma

Deutsche Anleger haben mit Lehmann-Zertifikaten rund eine Mrd. Euro verloren. Eine weitere Milliarde soll immer noch in den Papieren stecken, schätzen Branchenexperten. Doch die Zertifikate sind unverkäuflich und werden weltweit nicht mehr gehandelt. Die Anleger klagen deswegen vor deutschen Gerichten - allerdings nicht gegen Lehman, sondern gegen ihre Hausbanken.

FRANKFURT. Die Lehman-Zertifikate - 120 von ihnen sind noch registriert, ein Handel findet jedoch nicht mehr statt - verursachten insgesamt zwei Mrd. Euro Verlust. Das ist nicht viel im Vergleich zu knapp sieben Bill. Euro, die die gesamte Finanzkrise weltweit kostet. Doch diese zwei Milliarden gehen direkt auf das Konto der deutschen Privatanleger. Zwei Milliarden, die sie gespart und vermeintlich sicher angelegt hatten. Zwei Milliarden, die sie für Ausbildung, Familienplanung oder Rente vermehren wollten. Der Traum dieser Anleger von einer hohen und gleichzeitig sicheren Rendite ist mit den Lehman-Zertifikaten geplatzt.

Die Kassenschlager von Lehman Brothers waren vor allem Zertifikate mit komplizierten Zinsversprechen. Mit ihnen sollten die Anleger unabhängig von der Entwicklung an den Börsen eine sichere Rendite einstreichen können. Renditeaussichten von bis zu 20 Prozent pro Jahr waren keine Seltenheit. Doch die vielversprechenden Zertifikate mit teils undurchsichtiger Auszahlungsstruktur bescherten ihren Besitzern am Ende nur hohe Verluste.

Als Schuldverschreibungen der emittierenden Bank wurden die Papiere wertlos, weil Lehman Brothers Konkurs anmeldete. Zertifikateanleger galten fortan als Gläubiger der Bank, deren Ansprüche aus der Konkursmasse befriedigt werden sollen.

Die 1 000 deutschen Privatanleger bleiben auf ihren Forderungen gegen Lehman Brothers sitzen. Sie klagen deswegen vor den deutschen Gerichten. Allerdings nicht gegen die Emittentin selbst, sondern gegen ihre Hausbanken. Denn nicht Lehman Brothers allein machte mit den Zertifikaten gute Geschäfte. Auch die hiesigen Banken profitierten von den Renditeerwartungen und von der Unwissenheit vieler Kunden.

Die Citibank, die Frankfurter Sparkasse und die mittlerweile mit der Commerzbank verschmolzene Dresdner Bank waren besonders aktiv beim Vertrieb von Lehman-Zertifikaten. Insgesamt 50 000 Anleger kauften über ihre Bankberater die vermeintlich sicheren Lehman-Zertifikate und haben jetzt statt hochprozentiger Rendite eine nüchterne Null im Depot stehen.

Die gesamte Zertifikatebranche in Deutschland genießt nun einen Ruf, den ein einzelnes Institut ruiniert hat. "Wir wurden zu Unrecht mit Vorurteilen konfrontiert", sagt der Zertifikateexperte einer großen deutschen Emittentin. "Wir gehen aber offensiv und transparent mit den Vorwürfen um. Und wir haben uns den Humor bewahrt."

Den haben die hiesigen Emittenten wirklich nicht verloren. "Obwohl es ein paar Flecken auf dem Anzug gibt", sagt der Zertifikateexperte. Er und seine Kollegen in der Zertifikatebranche sind vorsichtiger geworden - vorsichtiger bei Marktprognosen und Renditeversprechen. Und sie sind auch bescheidener hinsichtlich künftiger Wachstumschancen der Branche. Die Goldgräber-Stimmung ist vorbei, die Dynamik dahin.

"Das Derivategeschäft hängt glücklicherweise nicht an steigenden Aktienkursen, wie zum Beispiel das Fondsgeschäft", sagt der Experte. Der Umsatz mit Zertifikaten steigt vielmehr mit der Schwankungsintensität der Börsen. "Solange sich der Markt bewegt und keine Katastrophen über uns hereinbrechen, wird das Geschäft stabil bleiben."

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