Marktwachstum
Zertifikate erholen sich vom Lehman-Schock

Vor einem Jahr stürzte die Lehman-Pleite die Zertifikate-Branche in eine tiefe Krise. Dank steigender Aktienmärkte und guter Geschäfte mit Zinsprodukten hat sich der Markt in diesem Jahr kräftig erholt. Über den Berg ist die Branche aber noch lange nicht. Frühere Verkaufsschlager kommen bei den Anlegern nicht mehr an und neue Ideen sind Mangelware.
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DÜSSELDORF. Erfolgsmeldungen aus der Zertifikate-Branche sind rar geworden. Diese Woche konnte der Deutsche Derivateverband (DDV) aber mal wieder mit einer aufwarten: Im September legte das Marktvolumen in Deutschland um 3,1 Prozent zu und überschritt erstmals seit genau einem Jahr wieder die Schwelle von 100 Mrd. Euro. Seit März ist das Volumen damit um fast 30 Prozent gewachsen, wobei die steigenden Aktienmärkte, die auch die Marktwerte der Zertifikate nach oben treiben, kräftig geholfen haben.

Von seinen Boom-Zeiten ist der Zertifikate-Markt aber noch weit entfernt. Auf dem Hochpunkt im September 2007 hatten deutsche Anleger 139 Mrd. Euro in die strukturierten Wertpapiere angelegt. Und auch sonst hat sich das Geschäft seither entscheidend verändert. Seit die Lehman-Pleite das Risiko von Zertifikaten offenbart hat, ist das Interesse an einzelnen Produktgattungen kollabiert. Frühere Verkaufsschlager wie Bonuszertifikate, die eine Börsenspekulation mit Sicherheitspuffer ermöglichen, fassen viele Anleger nicht mehr an. Zu schmerzhaft ist die Erinnerung an die massiven Verluste im Jahr 2008, als die Sicherheitspuffer dem Kursrutsch an den Börsen nicht standhielten.

Durch die Insolvenz von Lehman Brothers waren Zertifikate in Deutschland in Verruf gekommen. Die Papiere bilden die Wertentwicklung von Aktien, Indizes, Rohstoffen oder Zinssätzen ab und schaffen mit Hilfe von Optionen spezielle Auszahlungsprofile, die meist einen höheren Schutz für die Anleger versprechen. Da Zertifikate als Inhaberschuldverschreibungen nicht der Einlagensicherung unterliegen, hängt die Rückzahlung der Einlagen wie bei Anleihen allerdings von der Solvenz des Emittenten ab. Durch die Lehman-Pleite wurde das vielen Investoren erst bewusst.

Der Zertifikatemarkt im Herbst 2009 wird im Wesentlichen durch zwei Trends geprägt: "Bei aktienbasierten Zertifikaten laufen nur einfache Produkte mit leicht nachvollziehbaren Strukturen, das Geschäft ist noch lange nicht da, wo es einmal war. Die großen Zuwächse sehen wir bei Zinsprodukten, die es so früher nicht gegeben hat", sagt Holger Bosse, Derivate-Experte der Deutschen Bank.

Die enorm gewachsene Bedeutung von Zinsprodukten spiegelt das immense Sicherheitsbedürfnis der Anleger wider. Die Papiere sind durch die Bank mit einem hundertprozentigen Kapitalschutz versehen, der am Ende der mehrjährigen Laufzeit greift. Außerdem erhalten die Anleger meist einen Mindestkupon, der über die Jahre ansteigt. Für die Bankvertriebe, denen das Geschäft mit Zertifikaten fast vollständig weggebrochen ist, sind die Papiere, die nicht unter dem Namen "Zertifikat", sondern als "Anleihen" verkauft werden, zu einem zentralen Ertragsbringer geworden.

Laut DDV-Statistik entfallen mittlerweile zwei Drittel der in Zertifikate investierten Gelder auf Kapitalschutzzertifikate beziehungsweise strukturierte Anleihen, wie die Zinspapiere auch genannt werden. Vor Jahresfrist lag der Anteil lediglich bei 43 Prozent. Inzwischen mehren sich in der Branche aber die Stimmen derer, die den Zenit bei Zinsprodukten für überschritten halten: "Wenn der Zinszyklus dreht und die Zentralbanken damit beginnen, die Zinsen sukzessive zu erhöhen, werden sich viele Anleger die Frage stellen, ob es sinnvoll ist, das Geld für mehrere Jahre zu vergleichweise niedrigen Zinsen anzulegen", sagt Bosse. Ralph Stemper, Derivate-Experte der Commerzbank, formuliert es offensiver: "Ich denke, das Thema Zinsen verliert an Bedeutung. Die Anleger fragen wieder verstärkt Produkte auf Aktien nach."

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