MF Global
Euro-Krise stürzt US-Broker in die Pleite

Der Derivate-Broker MF Global von Ex-Goldman-Chef Jon Corzine hat sich am Euro-Markt verzockt. Nach Milliardenverlusten flüchtet sich die Firma in die Insolvenz. Betroffen sind auch Kunden der Deutschen Bank.
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New YorkGroße Projekte misslingen auch den ganz Großen. Jon Corzine wollte 2009 den Derivate-Broker MF Global in eine Investmentbank umformen. Dazu plante der damals gerade abgewählte Gouverneur von New Jersey und Exchef von Wall–Street-Primus Goldman Sachs den Aufbau einer gut besetzten Eigenhandelsabteilung, wie sie auch sein Exarbeitgeber Goldman vor dessen Neuregulierung besaß. Doch die Händler von MF Global verzockten sich mit Wetten auf eine Erholung von europäischen Staatsanleihen und anderen Euro-Papieren.

Jetzt ist die Firma pleite, am Montagnachmittag beantragte sie Gläubigerschutz nach Kapitel 11 der US-Insolvenzordnung. Der Insolvenzantrag wurde gestellt, nachdem Gespräche über einen Anteilsverkauf mit der Interactive Brokers Group gescheitert waren. Nach „Chapter 11“ des US-Insolvenzrechts wird dem Schuldner ein zeitlich begrenzter Schutz vor seinen Gläubigern gewährt, um sich zu sanieren. Zu den Gläubigern gehören auch Kunden der Deutschen Bank, die rund eine Milliarde an Forderungen an MF Global haben.

Bankaktien gaben im frühen New Yorker Handel nach: Die Investmentbanken Goldman Sachs und Morgan Stanley sowie die führenden Großbanken JPMorgan Chase, Citigroup und Bank of America verloren zwischen drei und sechs Prozent. Die Titel der Deutschen Bank bauten ihre Verluste in Frankfurt bis zum späten Nachmittag auf neun Prozent aus.

Der Insolvenzantrag hatte sich bereits am Wochenende abgezeichnet. Nach einem unerwarteten Quartalsverlust hatten die Ratingagenturen MF Global Ende vergangener Woche auf Ramschstatus herabgestuft. Am Montag dann ging alles ganz schnell: Die New Yorker Notenbank sperrte MF Global und schloss Geschäfte mit anderen Unternehmen aus, die Aktien des Unternehmens wurden nach einem Einbruch um fast 50 Prozent in Europa vom Handel an der Wall Street ausgesetzt. Kurz nach 15 Uhr folgte dann die Bestätigung: MF Global ist pleite.

MF Global ist damit das prominenteste Opfer der Euro-Schuldenkrise in den USA. In Europa ist es bislang die belgisch-französische Großbank Dexia. MF Global scheiterte mit Spekulationen am Euro-Markt – die Rede ist von 6,3 Milliarden US-Dollar an Euro-Staatsanleihen, die drastisch an Wert verloren haben. Diese führten nicht nur zu hohen Verlusten sondern beschädigten das Kundengeschäft der Firma. Ein Broker wie MF Global vermittelt Wertpapiergeschäfte. Wenn die Bank A etwa eine Anleihe verkaufen will, übernimmt MF Global diese, um sie in einem nächsten Schritt an Bank B weiterzuverkaufen. Bank A muss dabei genügend Vertrauen in die Fähigkeit von MF Global haben, ihr nach Abschluss der Transaktion den Verkaufserlös auch überweisen zu können. Dieses Vertrauen schwindet, wenn Ratingagenturen die Bonität einer Firma oder deren Anleihen auf „Ramsch“ hinunterstufen. Medienberichten zufolge haben sich einige Kunden bereits Ende vergangener Woche abgewandt.

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  • so ähnlich geht´s mir auch ;-) und ich bin froh, dass ich meine Verbindung zu diesem Brokerhaus vor der Pleite abgebrochen habe.

  • Fortsetzung des Zitates namens "Gauß ist tot, es lebe Gauß!":

    Dass Herr ... (habe ich {Kea} rausgenommen!) in seinem Blog darauf anzuspielen weiß, dass wir nicht so viel wissen, wie wir gerne vorgeben, zeugt von enormer Weitsicht, die die für die künftigen Wissenschafter verantwortlichen ausbildenden Professoren wohl gezielt werden ignorieren müssen, obwohl die einfache Lösung – mittelst Gauß’scher Glockenkurve – Verteilungen zu berechnen und daraus Risiken, die die Zukunft betreffen, abzuleiten, indem man versucht, durch Betrachtung der Vergangenheit, die künftige Entwicklung zu interpretieren, in bezug auf wirtschaftswissenschaftliche Themen mehr als fehlgeschlagen ist und da die wirtschafts-, die finanzmathematische, besonders aber die statistische Theorie ohne dieses Falsums nicht nur den Herren an den Universitäten die Lebensgrundlage entzöge: Die Ignoranz der meisten Wissenschafter gegen das mandelbrotische System und die dadurch unterlassene Sensibilisierung für die Risiken am Finanzmarkt lässt erkennen, dass sich auch künftig nichts ändern wird. Ganz nach dem Motto:

    Gauß ist tot, es lebe Gauß!

  • Ich meine, dass spätestens seit dem Untergang des Long-Term Capital Management (LTCM) im Jahre 1994, was der Weltöffentlichkeit damals, aber leider auch bis heute von den Massenmedien geflissentlich verschwiegen worden ist, alle hätten genug wissen müssen, um die Märkte vor solchen Katastrophen zu schützen. Aber das hat ja schon damals niemand gewollt. Und jetzt stelle man sich vor, die Krise fände ein jähes Ende, wie schnell sich durch Lobbyistenarbeit wieder alles umkehrte. Leider glaubt unsere stümperhafte Elite ja immer noch an sogenannte Mathematik- und/oder Finanzgenies wie Merton und Scholes, was ich zum Glück nie getan habe. Dazu passt ganz gut folgendes Zitat:

    Gauß ist tot, es lebe Gauß!

    Zumindest was die Logik der fraktalen Zufälligkeit und deren Verteilung betrifft, muss man Mandelbrot wie auch Nassim Nicholas Taleb anerkennen, dass sie einige der wenigen sind, die die Komplexität der menschlichen Unfähigkeit aufnahmebereit zu sein, zumindest was unbequeme Neuigkeiten anbelangt und für die meisten, auch aus den Fachgebieten, unbegreiflich zu sein scheint, kritisieren und sich trotz aussichtsloser Lage weiterhin um Aufklärung bemühen.

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