Miese Absatzzahlen
Anleger fliehen aus Zertifikaten

Die erste Pleite eines Emittenten hat am deutschen Zertifikatemarkt tiefe Spuren hinterlassen. Panikartig zogen Anleger nach dem Desaster um die US-Investmentbank Lehman Brothers in den vergangenen Wochen ihr Kapital ab. Der Zertifikate-Markt schrumpfte daraufhin auf sein Niveau von 2006.

DÜSSELDORF. Im Oktober, dem ersten vollen Handelsmonat seit der Insolvenz von Lehman Brothers, zogen Anleger Milliarden aus Zertifikaten ab. Insgesamt sank das Marktvolumen nach Zahlen von 14 Emittenten - darunter mit Ausnahme der Commerzbank alle wichtigen Marktteilnehmer - um 17,6 Prozent auf 68 Mrd. Euro.

Das Volumen am Gesamtmarkt fiel nach Schätzungen des Deutschen Derivate Verbandes (DDV) auf 90,4 Mrd. Euro, nach 110 Mrd. Euro Ende September. Damit ist der Derivatemarkt auf ein Niveau geschrumpft, das er zuletzt Anfang 2006 erreichte. Vor einem Jahr hatte das Marktvolumen noch rund 140 Mrd. Euro betragen.

Etwa die Hälfte des Rückgangs im Oktober ist auf negative Preiseffekte aufgrund der extrem schwachen Aktienmärkte zurückzuführen. Das ändert aber nichts daran, dass Anleger im vergangenen Monat so viel Geld aus Zertifikaten abzogen wie nie zuvor.

Dies ist zum einen Folge des Lehman-Schocks. Von der Pleite der US-Bank sind in Deutschland zwar nur rund 30 000 Anleger direkt betroffen, die Zertifikate von Lehman gekauft hatten. Vielen anderen Investoren ist durch den Fall aber erst klar geworden, welche Risiken sie mit Zertifikaten eingehen. Als Inhaberschuldverschreibungen bergen diese immer ein Ausfallrisiko, wenn der Emittent - wie bei Lehman geschehen - zahlungsunfähig wird.

Die drastischen Abflüsse aus Zertifikaten haben aber noch einen anderen Grund: Viele Anleger wenden sich zurzeit enttäuscht ab, weil ihre Papiere - insbesondere Bonus-Zertifikate - in den volatilen Monaten noch höhere Verluste erzielten als die ihnen zugrunde liegenden Aktien oder Indizes. Das Marktvolumen von Bonus-Zertifikaten sank entsprechend im Oktober um 41,5 Prozent. Auch bei Discount-Zertifikaten (minus 30,7 Prozent) und Express-Zertifikaten, deren Volumen um 24,4 Prozent sank, fiel der Rückgang überproportional aus.

Dagegen hielten sich Garantiezertifikate, auf die inzwischen mehr als die Hälfte des Marktvolumens entfällt, mit einem Minus von 1,4 Prozent extrem stabil. Allerdings schlagen bei Garantiepapieren Kursveränderungen am Aktienmarkt auch nur geringfügig auf die Preise durch. Zudem lohnt sich der Verkauf während der Laufzeit in der Regel nicht, weswegen der Verkaufsdruck auf diese Zertifikate gering blieb.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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