Nobelpreisträger Merton im Interview
„Warren Buffett hat vier Milliarden geboten"

Auch Nobelpreisträger irren: Robert C. Merton, der an der berühmten Black-Scholes-Formel mitwirkte, musste den Untergang seines Hedgefonds LTCM verkraften. Ein Gespräch über Fehler, Warren Buffett und die Finanzkrise.
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Robert C. Merton hat wie kaum ein anderer Wissenschaftler die Finanzwelt bewegt. Für seine Arbeit zur Bewertung von Finanzoptionen erhielt er 1997 den Nobelpreis. Sein Name ist auch mit dem Aufstieg und Fall des Unternehmens Long Term Capital Management (LTCM) verbunden, das er mit anderen Wissenschaftlern und Bankern 1993 gründete. LTCM war ein Hedgefonds mit einer Mindestanlagesumme von zehn Millionen US-Dollar.

Zunächst erzielten Anleger damit eine Rendite nach Abzug aller Kosten von 30 bis 40 Prozent jährlich - bis die Russlandkrise 1998 die Risiken des Hedgefonds zu groß werden ließen. Die anschließende Rettung war, weil man einen Zusammenbruch der Finanzmärkte befürchtete, vor der Finanzkrise die größte weltweit. Laut Wikipedia musste aus diesem Grund sogar der damalige Fed-Chef Alan Greenspan die Zinsen senken. „Wenn Genies scheitern“, beschrieb US-Autor Roger Lowenstein in einem Buch die LTCM-Geschichte.

Der 70-jährige Merton lehrt derzeit an der Harvard-Universität. Er gibt selten Interviews, schon gar nicht über LTCM. Auch 16 Jahre danach ist ein Gespräch mit dem Wissenschaftler darüber ein emotionales. Es ist ein Thema, das ihn immer noch berührt. So geriet die Unterhaltung zu einem Stück Zeitgeschichte.

Herr Merton, wir haben gehört, dass Sie keine Vorhersagen machen. Könnten Sie nicht eine Ausnahme machen?
Ich bin kein Vorherseher. Der Kapitalmarkt ist ein Feld mit vielen Ungewissheiten. Und in der Wirtschaft sind alle sehr fokussiert auf Prognosen. Mich interessiert am Kapitalmarkt der Risikoaspekt. Den Aktienmarkt oder das Bruttosozialprodukt zu prognostizieren, das ist eine Sache der Makroökonomie.

Also keine Prognosen, sondern nur Analysen?
Ich erkläre es Ihnen auf andere Weise: Angenommen, Sie brauchen einen Elektriker und ich wäre ein Installateur. Vermutlich weiß ich als Installateur mehr über Probleme mit der Elektrik als ein Normalbürger auf der Straße. Aber wenn Sie einen Elektriker brauchen: Suchen Sie sich einen Elektriker aus – und keinen Installateur.

Übertragen auf Sie heißt das also?
Dass ich vermutlich mehr über Wirtschaft weiß als eine beliebige Person auf der Straße. Trotzdem: Meine persönliche Einstellung ist es, nicht öffentlich über Dinge zu reden, von denen ich zu wenig weiß. Ganz nebenbei: Bei einem Glas Wein würde ich vielleicht eine Ausnahme machen und auch erzählen, wie zum Beispiel das Kentucky-Spiel nächste Woche ausgeht. Sollen wir ein Glas kalifornischen Wein bestellen? (Alle lachen)

Unterhalten wir uns über die Gegenwart: Gibt es eine Blase an den Aktienmärkten?
Das ist auch wieder eine Sache von Prognosen und Preisen. Meiner Ansicht nach sind Blasen leicht zu erkennen, nachdem sie geplatzt sind. Und fast unmöglich oder ganz schwierig vorherzusehen. Ich erkläre es Ihnen wieder einfacher. Sie tragen eine Krawatte. Sie wissen viel über Krawatten, die neuen sind schmal und weiß. Nun hatte ich vor Jahren meine weiße Krawatte vorsichtig in die Schublade gelegt. Doch jetzt erleben schmale Krawatten ein Comeback. So nehme ich voller Stolz meine weiße Krawatte aus der Schublade. Aber wenn ich meine mit Ihrer weißen Krawatte vergleiche, stelle ich fest: Meine ist eine alte und ihre eine neue.

Und was bedeutet das?
Was ich mit dieser kleinen Geschichte sagen will: Wenn man sich nicht die Details anschaut, kommt man schnell zur Meinung: Eindeutig geht das in diese Richtung, das kann man vorhersehen, ein Zyklus, der sich wiederholt. Aber wann man sich die Details anschaut, wird klar, dass es viele Unterschiede gibt. Und das Ganze ist nicht mehr eindeutig. Es ist wichtig, zu akzeptieren, dass wir viele Dinge nicht vorhersagen können.

Wir leben in Zeiten des billigen Geldes. Ist eine Blase nicht zwangsläufig?
Billiges Geld mag einen Effekt auf die Vermögenswerte haben, im Sinne von aufgeblähten Vermögenswerten. Ich würde das aber nicht als Blase bezeichnen. Die Debatte geht eigentlich darum, wie viel Kontrolle die Zentralbanken eigentlich über die Höhe der Zinssätze haben sollten.

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  • In der Tat sind alle kapitalgedeckten Versicherungen eigentlich im Eimer.
    Nun freut sich jeder übers solidarische Rentensystem - und vergißt, daß auch dort Zinsen eine ertragreiche Rolle spielen.

    Clinton begünstigte Subprimer-Kredite, die später in Kredithäufungen bei riskanten Personen resultierten.

    Es krachte, als die Werte der Immobilien (-Sicherheiten) verfielen.
    Das war alles.

    Danach kam Fed und die neue Geldschwemme nebst ZIRP.
    Dessen Folgen werden wir erst noch erleben müssen.

  • aber einer der reichsten Männer der Welt...

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