Prozess um Zertifikate
Rückschlag für Lehman-Anleger

Die Hoffnungen auf ein erstes belastbares Urteil für Lehman-Anleger haben einen Dämpfer erhalten. Das Hamburger Landgericht vertagte seine Entscheidung in einem Schadenersatz-Verfahren gegen die Hamburger Sparkasse (Haspa). Aus dem Schneider ist die Bank aber noch nicht. Der Richter sieht nach wie vor Anhaltspunkte für eine Falschberatung.

DÜSSELDORF. Im Schadenersatz-Prozess um Lehman-Zertifikate vor dem Hamburger Landgericht verzögert sich das Urteil. Das Gericht entschied heute, die Beweisaufnahme wieder aufzunehmen, nachdem die Hamburger Sparkasse (Haspa) vor dem Wochenende eine umfassende Argumentationsschrift eingereicht hatte. Das Schreiben enthalte "erhebliche neue Sachvorträge", erläuterte der Vorsitzende Richter. Zudem müsse die Klägerseite darauf noch antworten dürfen. Ob und wann ein Urteil in dem Prozess gefällt wird, ist derzeit unklar. Das Gericht legte den Parteien eine gütliche Einigung nahe.

Das Verfahren in Hamburg findet deutschlandweit Beachtung, da es hier das erste relevante Urteil im Zusammenhang mit Lehman-Zertifikaten geben könnte. Deutschlandweit sind zwischen 20 000 und 50 000 Zertifikate-Anleger von der Lehman-Pleite betroffen. Die Papiere waren von Banken insbesondere im Frühjahr und Sommer 2008, also kurz vor der Insolvenz der US-Bank, intensiv vertrieben worden. Vor allem ältere Menschen ließen sich auf die Zertifikate ein, angelockt durch die Aussicht auf attraktive Renditen bei einer garantierten Rückzahlung des eingesetzten Kapitals. Dass diese Garantie bei Inhaberschuldverschreibungen, zu denen Zertifikate gehören, nur gilt, wenn die Bank am Ende der Laufzeit noch solvent ist, beachteten die meisten Anleger nicht.

Im konkreten Fall hatte ein 64-Jähriger Ende 2006 bei der Haspa Zertifikate von Lehman Brothers im Wert von 10 000 Euro gekauft. Weil die US-Investmentbank im September 2008 in die Insolvenz ging, droht dem Anleger der Totalverlust. Der Haspa wirft er nun Falschberatung vor. Das Institut habe ihn über das Ausfallrisiko der Zertifikate nicht aufgeklärt. Außerdem habe die Bank nicht über ihre Gewinnerzielungsabsicht informiert, argumentiert der Anwalt des Klägers, Ulrich Husack.

Nach der ersten öffentlichen Anhörung im Prozess gegen die Haspa hatte der Richter durchblicken lassen, dass er der Klage gute Erfolgschancen beimisst und eine Beweisaufnahme nicht für notwendig hält. Entsprechend war ein schnelles Urteil erwartet worden. Nach der umfangreichen Stellungnahme der Bank revidierte der Richter seine Meinung - unter anderem deshalb, weil die Haspa darin die Gewinnmarge offenlegte, die sie mit den Lehman-Zertifikaten erzielte. Diese bezifferte die Bank auf 3,8 Prozent zuzüglich einem Prozent Ausgabeaufschlag.

Dass der Kläger bei Kenntnis dieser Marge auf den Kauf der Zertifikate verzichet hätte, bezweifelt das Gericht in seinem Beschluss. Damit bleiben aus Sicht des Anlegers noch zwei Argumente bestehen: Weil die Bank von Lehman 30 Millionen Zertifikate erworben hatte und die nicht verkauften Stücke nur zu einem geringeren Preis an Lehman zurückgeben konnte, sei das Verkaufsinteresse nicht auf die Erzielung einer Marge beschränkt gewesen, argumentiert Anwalt Husack. Viel stärker wiegt seiner Meinung nach aber nach wie vor die Tatsache, dass das Emittentenrisiko nicht zur Sprache kommen. Für den weiteren Gang der Verhandlung dürfte dies der Knackpunkt sein.

Eine Sprecherin der Haspa begrüßte in einer ersten Reaktion, dass sich "das Gericht ausreichend Zeit nimmt, um ein Urteil zu finden". Zudem sei "die anlegergerechte Beratung der Haspa bisher nicht in Frage gestellt" worden. Im Hinweisbeschluss des Gerichts liest sich das aber etwas anders. Hier heißt es, dass "das Gericht dazu tendiert, eine Pflichtverletzung bei der Beklagten anzunehmen". Fraglich sei jedoch, "ob der Kläger bei Erteilung der geschuldeten Informationen wirklich von dem Erwerb des Zertifikats Abstand genommen hätte".

Das Gericht erneuerte seinen Vorschlag einer gütlichen Einigung. Für sachgerecht hält es eine Erstattung von 50 Prozent der eingesetzten Summe zuzüglich der Anwaltskosten. Ob ein Vergleich für sie in Frage kommt, ließen beide Parteien auf Anfrage offen. Wie es in dem Verfahren weitergeht wird in zwei Wochen entschieden. Bis dahin hat der Anwalt des Klägers Zeit zur Stellungnahme. Anschließend entscheidet das Gericht, ob es eine Entscheidung trifft oder die Beweisaufnahme verlängert.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%