Risiko-Abschlag
Türkei-Investment bietet jetzt Chancen

Die Aktienkurse an der Börse in Istanbul sind im Sommer unter Druck geraten. Investoren fürchten nicht nur die politischen Unsicherheiten nach den Protesten. Für antizyklische Anleger können sich jetzt Chancen ergeben.
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DüsseldorfWer einen tiefen Schluck aus dem Ikea-Glas „Pokal“ nimmt und dabei auf dessen Boden blickt, erfährt, dass der Schweden-Becher „made in Turkey“ ist. Das ist kein Zufall. Schon lange hat sich die Türkei als Industriestandort etabliert. „In vielen türkischen Städten wurde in den vergangenen Jahren gezielt Industrie aufgebaut“, erklärt Kemal Bagci von der Royal Bank of Scotland. Präsident Erdogan und seine Partei AKP trieben mit Eifer Reformen voran, die für eine beeindruckendes Wirtschaftswachstum im Land sorgten.

Von 2002 bis 2011 hat sich die Wirtschaftsleistung des Landes mehr als verdoppelt. In den Jahren 2010 und 2011 wuchs das Bruttoinlandsprodukt jeweils um rund neun Prozent. Auch haushaltspolitisch machte die türkische Regierung mit einer stetigen Verringerung der Schuldenquote in den zurückliegenden Jahren ihre Hausaufgaben. Die Türkei hat im Mai 2013 ihre Kredite beim IWF vollständig bedient. Die Staatsverschuldung liegt aktuell bei 36 Prozent des Brutto-Inlandsprodukts (BIP) und dürfte sich in den nächsten Jahren weiter reduzieren.

Zum Vergleich: Deutschland ist derzeit laut Eurostat mit rund 81 Prozent des BIP verschuldet, Italien mit 127 Prozent und Griechenland mit 157 Prozent. Mit den Kennziffern für Schuldenstand und Haushaltsdefizit erfüllt die Türkei in vollem Umfang die Maastricht-Kriterien. Das kann derzeit nicht jeder Euro-Staat von sich behaupten. Daher galten Türkei-Investments noch bis vor kurzem aufgrund der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in den vergangenen Jahren als chic. Der MSCI Turkey, Gradmesser für die Entwicklung türkischer Aktien, verdoppelte seinen Wert zwischen 2009 und 2011 und noch einmal von Anfang 2012 bis Sommer 2013.

Doch mit dem Börsen-Glanz scheint es nun erst einmal vorbei zu sein: Im Schnitt brachen die Kurse türkischer Aktien zwischen Mai und Juli dieses Jahres um rund 20 Prozent ein. Just in dieser Zeit ging die türkische Regierung mit Wasserwerfern gegen Demonstranten auf dem Taksim-Platz in Istanbul vor. An den wirtschaftlichen Grunddaten hatte sich jedoch nicht viel geändert. „Da liegt der Schluss nahe, einzig die politische Entwicklung habe großen Einfluss auf die Börse gehabt. Doch in diesem Fall sind weitere Gründe für den Kursrückgang verantwortlich“, sagt Gökhan Kula, Investmentstratege und Fondsmanager des Myra Dynamic Turkey Fund.

„Denn im Sommer sind nicht nur die Aktienkurse in Istanbul, sondern weltweit in fast allen Schwellenländern unter Druck geraten. Der Auslöser dafür war die Ankündigung des US-Notenbankchefs Bernanke, mittelfristig die Zinsen in den USA wieder anzuheben“, so Kula. Allein diese Ankündigung trieb Investoren, die sich in den USA preiswert Geld geliehen und in Schwellenländern angelegt hatten, dazu, ihre Engagements aufzulösen und Gewinne rechtzeitig vor der Zinswende mitzunehmen. Auch Türkei-Investoren zogen ihre Gelder in großem Umfang ab. „Wenn alle durch dieselbe Tür wollen, kann es solche Ausverkaufs-Effekte geben“, erklärt Gökhan Kula.

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  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte bleiben Sie sachlich.

  • Die türkische Bevölkerung ist im Schnitt bis über beide Ohren verschuldet - und das bei geringer Produktivität. Die Türkei wird das Schicksal Griechenlands ereilen, nämlich von einer jahrelangen Rezession gebeutelt werden. Auch das ist eine Gewissheit!

  • Die türk. Bevölkerung ist im Schnitt >20 jahre jünger als Rentnerdeutschland und Resteuropa.

    Die Türkei wird in max. 15-20 Jahren wirtschaftlich stärker sein als jedes Land der bankrotten Rentner-EU. Das ist eine Gewissheit.

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