Rohstoffe
Wenn Rollverluste per Vorkasse fällig werden

Rohstoff-Investitionen haben ihre Tücken. Eine Serie neuer Öl-Zertifikate verspricht bessere Renditechancen und mehr Transparenz. Doch auch hier müssen Anleger auf die Details schauen: Die Investition in Öl-Zertifikate ohne Kenntnis der aktuellen Terminkurve gleicht einem Investment-Blindflug.
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DÜSSELDORF. Indexzertifikate auf Rohöl gehören seit Wochen zu den am häufigsten gehandelten Anlagezertifikaten. Doch viel Geld verdient hat damit wohl kaum ein Investor - obwohl sich die Ölpreise seit den Tiefs im Dezember mittlerweile spürbar erholt haben.

Der Grund für die unbefriedigende Entwicklung: Zertifikate, mit denen Anleger auf Preisbewegungen beim Öl setzen können, haben als Basiswert nicht den aktuellen Tagespreis, sondern Öl-Future-Kontrakte. Auf Grund einer ungünstigen Konstellation an den Terminmärkten entstehen bei längerfristigen Öl-Investments derzeit systematisch so genannte Rollverluste.

J.P. Morgan behauptet nun, eine Serie neuer, währungsgesicherter Öl-Indexzertifikate so konstruiert zu haben, dass "Rollverluste ausgeschlossen" seien. "Die neuen Quanto-Papiere mit Laufzeiten zwischen einem und vier Jahren ermöglichen Anlegern, von einer Aufwärtsbewegung des Ölpreises zu profitieren ", sagt Michael Schülli, Executive Director bei J.P. Morgan.

Ein gewagtes Versprechen, wenn man sich vor Augen führt, wie die Rollverluste bei futurebasierten, langlaufenden Strukturen entstehen: Bei derartigen Zertifikaten muss der Basiskontrakt immer wieder gegen neue Kontrakte mit längerer Laufzeit getauscht werden. Im Fachjargon heißt es: die Kontrakte werden "gerollt".

Da die Mehrheit der Marktteilnehmer von steigenden Ölpreisen ausgeht, sind später fällig werdende Kontrakte momentan grundsätzlich teurer als aktuellere. Diese Konstellation wird Contango genannt. Die Folge: Bei gleich bleibender Terminkurve verbuchen Käufer von Öl- Zertifikaten von Rolltermin zu Rolltermin kontinuierlich Verluste.

Wie aber will J.P. Morgan bei den neuen Produkten nun Rollverluste vermeiden? Die Antwort: Indem sich die Zertifikate während der gesamten Laufzeit jeweils auf einen einzigen Future beziehen; und zwar denjenigen, der zur Fälligkeit des Zertifikats ausläuft. Doch damit werden die Rollverluste, die sich sonst von Rollvorgang zu Rollvorgang ansammeln, hier einfach nur von Anfang an antizipiert. Denn auf Grund der Contango-Situation notieren die langlaufenden Kontrakte aktuell zu einem höheren Preis als der Spotpreis. So handeln diese Zertifikate quasi mit einem Aufgeld - Rollverluste fallen hier sozusagen per Vorkasse an. Ein Beispiel: Eines der neuartigen Öl-Zertifikate mit rund dreijähriger Laufzeit ist derzeit zu einem Preis zu haben, der auf Höhe des für die Rückzahlung maßgeblichen April-2011-Futures liegt. Sollte der Preis für Rohöl bis dahin nicht dieses Niveau erreichen, wird das Papier zum Verlustbringer.

Fazit: Um mit Indexzertifikaten auf Öl langfristig Gewinne zu erzielen, reicht ein steigender Ölpreis alleine nicht aus, falls dieser - ablesbar an einer Contango-Terminstruktur - auch vom Markt so erwartet wird. Vielmehr setzen sowohl Käufer herkömmlicher Öl-Zertifikate als auch die der neuen J.P.-Morgan-Variante darauf, dass der Anstieg stärker ausfallen wird, als es der Markt erwartet. Andernfalls entstehen hier wie da Verluste. Anlegern sollte daher klar sein: Die Investition in Öl-Zertifikate ohne Kenntnis der aktuellen Terminkurve gleicht einem Investment-Blindflug. Einen Vorteil bietet die neue Variante von J.P. Morgan: "Der Investor weiß bereits zum Kaufzeitpunkt, bei welchem zukünftigen Ölpreis sein Break-Even liegt", sagt Schülli.

Georgios Kokologiannis ist Redakteur im Finanzteam des Handelsblatts, mit Sitz in Frankfurt am Main. Er studierte Betriebswirtschaftslehre in Düsseldorf mit Schwerpunkt auf Controlling und Marketingmanagement. Bereits während seiner Studienzeit wirkte der Diplom-Kaufmann erstmals an der Entwicklung des Handelsblatt-Onlineangebots mit. Seinen journalistischen Feinschliff erhielt der Kapitalmarktexperte an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Mit Geldanlage-Themen beschäftigt sich der Derivatespezialist für das Handelsblatt seit mehr als 17 Jahren. Dabei wurde er mit dem DDV-Preis für Wirtschaftsjournalisten ausgezeichnet und hat zuletzt vier Jahre lang das Musterportfolio der Redaktion verantwortet.
Georgios Kokologiannis
Handelsblatt / Finanzredakteur

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