Rumba-Anleihe
Preußische Mogelpackung im Zertifikatemantel

Auf der Suche nach Sicherheit stehen Schweizer Staatsanleihen bei Investoren ganz oben auf der Einkaufsliste. Das drückt die Renditen in den Keller. Umso erstaunlicher ist es, dass ein neues Zertifikat mehr als vier Prozent jährlich zahlt, wenn die Schweiz nicht pleite geht. Natürlich hat die Sache einen Haken: Eine Pleite der Schweiz ist nämlich nicht das einzige Risiko.
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DÜSSELDORF. Scheinbar seltsame Blüten treibt die Finanzkrise am Kapitalmarkt: Deutlich mehr als vier Prozent pro Jahr können Anleger mit einer neuen Anleihe verdienen, falls die Schweiz während der fünfjährigen Laufzeit nicht zahlungsunfähig wird. Zum Vergleich: Deutsche Bundesanleihen, die im April 2014 fällig werden, bieten nur etwa halb soviel Rendite.

Ist es um die helvetische Republik etwa doch dramatisch schlechter gestellt, als bisher angenommen? Mitnichten. Die Ratingagenturen halten trotz Finanzkrise unisono an ihren Bestnoten für das Land fest. Zwar wäre die Schweiz mit der Rettung ihrer beiden Großbanken finanziell völlig überfordert. Denn die Bilanzsummen von UBS und Credit Suisse übersteigen zusammengenommen die Wirtschaftskraft der Schweiz um das Siebenfache. Allerdings hat die Schweizer Regierung bislang keine Anstalten gemacht, das finanzielle Schicksal des Landes zur Rettung der Geldhäuser aufs Spiel zu setzen. Ein Staatsbankrott wie in Island ist also nicht zu befürchten.

Die Erklärung für den üppigen Renditeaufschlag: Bei der Schuldverschreibung handelt es sich nicht um eine Staatsanleihe der Schweizer Eidgenossenschaft, sondern um ein Zertifikat der Landesbank Berlin (WKN: LBB21H), mit dem lediglich eine Wette gegen die Zahlungsunfähigkeit der Schweiz verbrieft wird.

Die Funktionsweise des Papiers: Neben der Rückzahlung zum vollständigen Nennbetrag am Laufzeitende hängt auch die jährliche Verzinsung davon ab, dass kein "Kreditereignis" eintritt. Hierzu zählen laut Emissionsprospekt neben einer Zahlungsunfähigkeit auch vorzeitige Fälligstellungen und weitere Leistungsstörungen. Wird ein Kreditereignis festgestellt, entfallen die Zinszahlungen für die aktuelle sowie für alle zukünftigen Zinsperioden. Darüber hinaus erfolgt anstelle der Tilgung zum Nennbetrag die Rückzahlung eines Betrages, dessen Höhe sich am Marktwert einer Verbindlichkeit des ausgefallenen Referenzschuldners orientiert.

Beworben wird das Produkt in erster Linie als Alternative mit der "Chance auf Renditevorteil gegenüber Direktinvestition in eine vergleichbare Staatsanleihe der Schweiz". Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn bei der "Rumba-Anleihe" (Rueckzahlung mit Bonitätsabhängigkeit) tragen Anleger neben den Kreditausfallrisiken des Referenzschuldners - wie bei Zertifikaten üblich - auch das Ausfallrisiko der Derivate-Emittentin. Und das ist laut Moody?s und Fitch (A1 bzw. AA-) im Vergleich zu anderen Banken zwar gering, aber dennoch deutlich höher als die Pleitegefahr der Schweiz, die mit "Triple-A"-Ratings praktisch ausgeschlossen wird.

Dieses zusätzliche Risiko ist es, das durch die im Vergleich zu den Schweizer Staatpapieren deutlich höhere Rendite von 4,3 Prozent pro Jahr vergütet wird.

Eine Alternative für Investoren, die auf Schweizer Stabilität setzen wollen, bietet das Zertifikat jedenfalls nicht. Die hat weiterhin ihren Preis: Auf der Suche nach Sicherheit sind Anleger mittlerweile bereit, für Anleihen der Alpenrepublik Minimalst-Verzinsungen in Kauf zu nehmen: Nach den Kursanstiegen seit dem Sommer vergangenen Jahres bieten Schweizer Staatsanleihen mit einer Restlaufzeit von rund 5 Jahren nur noch eine jährliche Rendite von knapp 1,5 Prozent.

Georgios Kokologiannis ist Redakteur im Finanzteam des Handelsblatts, mit Sitz in Frankfurt am Main. Er studierte Betriebswirtschaftslehre in Düsseldorf mit Schwerpunkt auf Controlling und Marketingmanagement. Bereits während seiner Studienzeit wirkte der Diplom-Kaufmann erstmals an der Entwicklung des Handelsblatt-Onlineangebots mit. Seinen journalistischen Feinschliff erhielt der Kapitalmarktexperte an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten. Mit Geldanlage-Themen beschäftigt sich der Derivatespezialist für das Handelsblatt seit mehr als 17 Jahren. Dabei wurde er mit dem DDV-Preis für Wirtschaftsjournalisten ausgezeichnet und hat zuletzt vier Jahre lang das Musterportfolio der Redaktion verantwortet.
Georgios Kokologiannis
Handelsblatt / Finanzredakteur

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