Sechs Fragen an: Klaus D. Hahne
„Zertifikate schneiden generell sehr gut ab“

Klaus D. Hahne, Partner und Steuerberater bei Ernst & Young, spricht im Handelsblatt-Interview über die Abgeltungssteuer, die Übergangsregelung für Zertifikate und darüber, ob das Steuersystem auf diesem Wege wirklich vereinfacht wird.

Handelsblatt: Was bringt die Einführung der Abgeltungsteuer ab 2009 für Zertifikate-Anleger?

Klaus D. Hahne: Die Effekte sind unterschiedlich. Zunächst einmal entfallen viele Möglichkeiten, steuerfreie Veräußerungsgewinne zu realisieren. Das gilt auch für Zertifikate. Zudem können Werbungskosten nicht mehr steuermindernd abgezogen werden. Vorteile ergeben sich aber aus dem niedrigeren Steuertarif.

Und wie schneiden Zertifikate im Vergleich zu anderen Anlageformen ab?

Generell sehr gut. Verglichen mit einer Direktanlage in Aktien haben Zertifikate den Vorteil, dass der Anleger Veräußerungsverluste steuerlich mit positiven Erträgen aus anderen Kapitalanlagen verrechnen kann. Bei Aktienverlusten ist eine Verrechnung dagegen nur mit Gewinnen aus anderen Aktiengeschäften zulässig. Bei Indexzertifikaten auf Performance-Indizes, die Dividendenzahlungen berücksichtigen, werden zudem die Ausschüttungen – anders als bei Aktien- oder Fondsanlagen – nicht jährlich sondern erst bei der Veräußerung besteuert. Durch diese Steuerstundung entstehen dem Anleger Zinsvorteile. Und schließlich fallen die bisherigen Nachteile von Finanzinnovationen im Vergleich zu „klassischen“ Anlageprodukten weg, da künftig ja grundsätzlich alle Veräußerungsgewinne steuerpflichtig sind.

Wie bewerten Sie die besondere Übergangsregelung für Zertifikate?

Kurzfristig sind Zertifikate gegenüber anderen Kapitalanlagen benachteiligt, da ein steuerfreier Verkauf nach dem 15. März 2007 erworbener Zertifikate nur noch bis zum 30. Juni 2009 möglich ist. Über die Rechtfertigung dieser Sonderregelung kann man sicherlich streiten. Der Gesetzgeber trägt damit aber der Tatsache Rechnung, dass mit Zertifikaten sehr flexibel auf veränderte Rahmenbedingungen reagiert werden kann und sichert somit Steueraufkommen. Das ist nachvollziehbar. Anleger sollten deshalb gezielt Anlagestrategien entwickeln, um steuerliche Nachteile zu vermeiden.

Wie könnten diese aussehen?

Steuerfreie Veräußerungsgewinne müssen nach mindestens einjähriger Haltezeit bis zum 30. Juni 2009 realisiert werden. Ein Verkauf von Gewinnpositionen sollte deshalb bis zu diesem Zeitpunkt erwogen werden. Dagegen kann der Verkauf von Verlustpositionen innerhalb der heute geltenden Spekulationsfrist sogar zu Steuerentlastungen mit dem regulären Steuersatz führen, wenn die Anlage noch in diesem Jahr erworben wurde.

Einzelnen Produkten hat der Gesetzgeber nachträglich einen Riegel vorgeschoben. Erwarten Sie weitere Verschärfungen?

Das kann man derzeit nicht wirklich ausschließen, der Gesetzgeber hat bislang flexibel auf Entwicklungen im Markt reagiert. Dass ein kompletter Systemwechsel wie dieser nicht im ersten Anlauf gleich perfekt gelingt, erscheint verständlich. Wenn der Gesetzgeber für die Besteuerung einzelner Produkte jedoch Sonderregelungen schafft, halte ich dies für problematisch.

Ist die neue Steuer insgesamt ein Gewinn für die Anleger?

Es gibt Gewinner des Systemwechsels, es wird aber auch zahlreiche Verlierer geben. Das vom Gesetzgeber selbst gesteckte Ziel, das Steuersystem zu vereinfachen, ist zumindest während der Übergangsphase jedoch noch nicht erreicht.

Ralf Drescher
Ralf Drescher
Handelsblatt.com / Teamleiter Finanzen (bis 29.2.2012)
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