Viele Anleger verzichten aus Verlustangst auf Gewinnchancen – Teilgarantie- und Bonuszertifikate gelten als attraktiver
Garantiezertifikate bremsen die Rendite

Die Angst vor Verlusten sitzt bei Anlegern in Deutschland besonders tief. Anlagezertifikate mit garantierter Rückzahlung des eingesetzten Kapitals sind deswegen ein Verkaufsschlager. Gut 50 Prozent des in Zertifikate investierten Geldes steckt in Produkten mit 100-prozentiger Garantie. Dabei wäre Vollkasko für die meisten Anleger gar nicht nötig. Komfortable Teilgarantie- oder Bonuspapiere bieten oft wesentlich mehr Rendite, ohne dass das Vermögen einem zu hohen Risiko ausgesetzt wird.
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HB DÜSSELDORF. Das Konzept des klassischen Garantiezertifikats einfach: Zum Ende der Laufzeit gibt es das eingesetzte Kapital zurück. Wenn sich der Wert, auf den sich das Zertifikat bezieht (Basiswert), positiv entwickelt, dann bekommt der Anleger zusätzlich eine Verzinsung. Als Basiswerte dienen meist Kursbarometer wie Deutscher Aktienindex (Dax) oder EuroStoxx – oder Aktienkörbe, die der Anbieter zusammenstellt.

„Wir sehen als Kunden für Garantiezertifikate vor allem Wertpapier-Einsteiger, die bisher in Zins- und Rentenpapiere investiert haben und ein zusätzliches Auszahlungsprofil auf der Basis von Aktien suchen“, sagt Bodo Gauer, Leiter des Produktmanagements bei der genossenschaftlichen DZ Bank. Neben der WestLB ist die Bank der größte Emittent für Garantiezertifikate. „Die Papiere werden gut angenommen, weil sie dem Kundenbedürfnis nach Kapitalerhalt, Inflationsausgleich und einer Chance auf mehr entsprechen“, sagt Gauer. Im Vergleich zu Sparbuchzinsen von 0,5 bis 0,75 Prozent sei eine Mindestverzinsung von ein bis zwei Prozent beim Zertifikat für die Kunden attraktiv.„Der Börsencrash hat bei den Anlegern verbrannte Erde hinterlassen, viele leiden noch unter den Konsequenzen“, erklärt Petra Becher, Derivateexpertin der Schweizer Bank UBS.

Trotzdem sollten sich die Anleger nicht mit den mageren Renditen zufrieden geben: „Es muss nicht immer eine volle Kapitalgarantie sein. Für viele Kunden ist ein Schutz gegen Kursverluste bis 70 oder 80 Prozent sinnvoller“, sagt Becher. Gerade die Absicherung gegen die letzten 20 Prozent sei besonders teuer. Dass Dax oder EuroStoxx unter dieses Niveau fallen könnten, ist wenig wahrscheinlich und müsste mit einer tiefen Wirtschaftskrise in Europa einhergehen. Becher rät daher dazu, auf die Sicherheit gegen den Totalabsturz zu verzichten und besser 20 bis 30 Prozent des Anlagebetrags in zusätzliche Renditechancen zu investieren.

Bei den aktuell sehr hohen Anleihekursen kostet die Garantiekomponente sehr viel. Die Banken kaufen zur Absicherung Nullkuponanleihen oder ähnliche Papiere (siehe „Wie Sicherheitspolster entstehen“). Durch die Hausse am Anleihenmarkt bleibt nach der Absicherung wenig übrig für Rendite.

Ein zusätzlicher Haken der Garantiepapiere liegt auf der Steuerseite. Wegen der Absicherung müssen die Gewinne generell versteuert werden. Kommt die üppige Ausschüttung erst am Ende der Laufzeit, kann das Finanzamt für unangenehme Überraschungen sorgen. Diesen Nachteil können Anleger teilweise umgehen, indem sie Papiere wählen, die regelmäßig Zinsen ausschütten. „Wir konstruieren unsere Garantiezertifikate inzwischen mit Kuponstrukturen, so dass jedes Jahr die Zinszahlung gegen den individuellen Freistellungsauftrag läuft“, sagt Gauer. Ganz steuerfrei sind dagegen bisher die Erträge von Teilgarantie- und Bonuspapieren, auch wenn sie gegen Kursstürze von 70 oder 80 Prozent abgesichert sind.

Dass es trotz der Mängel auch attraktive Konstruktionen gibt, zeigt die Zertifikateauswahl des Vermögensverwalters Rhein Asset Management (siehe “Ausgewählte Zertifikate“). Die volle Teilhabe an den Kursindizes wird vor allem aus Dividenden finanziert. Dank der aktuell niedrigen Schwankungen am Aktienmarkt sind Optionen, die den Papieren Rendite bringen, billig. Noch höher fallen allerdings die Renditen bei Teilabsicherungen aus. Denn auch hier kauft die Bank Optionen, um Bonuszahlungen und Zinsen für die Anleger zu finanzieren.

Ein Produkt für Pessimisten

Zum Ende der Laufzeit erhalten Käufer von Garantiezertifikaten ihr eingesetztes Kapital zurück. In Abhängigkeit vom Basiswert, beispielsweise einem Aktienindex, ist zusätzlich noch ein Gewinn drin – wenn der Index zugelegt hat.

Das Beispiel zeigt Gewinn und Verlust eines Garantiezertifikats (rote Linie) mit 100 Prozent Beteiligung am Index. Ein Bonuszertifikat (blau) mit 140 Euro Bonuslevel und 50 Prozent Risikopuffer gewinnt dagegen mehr, so lange der Index nicht mehr als 50 Prozent fällt.

Im Vergleich schneidet das Garantiezertifikat nur bei extremen Kursverlusten besser ab. Sonst ist der Bonus mindestens gleich gut.

Chancen und Risiken von Garantiezertifikaten

Garantie: Die Zusage des Kapitalerhalts bezieht sich nur auf das Ende der Laufzeit. Während der Laufzeit kann der Kurs des Zertifikats schwanken und unter den Ausgabepreis sinken. Wer seinen Einsatz wieder haben will, muss daher beachten, wann die Papiere fällig werden.

Gebühren: Für die meisten Zertifikate müssen Anleger Ausgabeaufschläge bezahlen, die bis zu drei Prozent betragen können. Je komplizierter die Papiere sind, desto weniger können Laien versteckte Gebühren im Zertifikat erkennen.

Steuern: Die Erträge aus Garantiepapieren müssen Anleger versteuern, weil die Titel als so genannte Finanzinnovation gelten. Gewinne aus Zertifikaten, bei denen ein Totalverlust möglich ist, sind wie Kursgewinne von Aktien nach einem Jahr Haltefrist steuerfrei.

Wie Sicherheitspolster entstehen

Die Wertentwicklung eines einfachen Garantiezertifikats entspricht der Kombination einer Option mit einer Anleihe, deren Zins am Ende der Laufzeit gezahlt wird. Die Anleihe wird so ausgewählt, dass sie bei Fälligkeit des Zertifikats das eingesetzte Kapital wieder ausschüttet. Der restliche Einsatz und die Dividenden des Basiswerts fließen in eine Option auf den Basiswert. Sie bringt die Rendite, die sich mit dem Basiswert verändert.

Die Konstruktion können Privatanleger auch selbst nachbauen, indem sie entsprechende Anleihen und Optionsscheine kaufen. Der Effekt der Papiere ist der gleiche wie beim Zertifikat. Es fallen nur weniger Kosten an, da die Emittenten für die Konstruktion einen Aufpreis berechnen (siehe „Fallstricke“). Die Bank sichert sich gegen das Risiko, das aus dem Zertifikategeschäft entsteht, ab. Dazu zerlegen Finanzingenieure die Papiere in bis zu 150 Einflussfaktoren, wie Kurs, Volatilität (Schwankungsbreite) und Inflation. Für jede Größe bauen sie eine Gegenposition zum Zertifikat auf. Die Verluste aus dem Zertifikat gleichen Gewinne aus der Gegenposition aus – und umgekehrt.

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