Zertifikate
Deutsche Börsenblase in Saigon

Vor allem deutsche Anleger haben vor gut einem Jahr den vietnamesischen Aktienindex auf neue Rekordstände gehievt. Mittlerweile notieren die damals erworbenen Zertifikate von drei Emittenten allerdings wieder auf ihrem Ausgangsniveau.

Es ist ein gutes Jahr her, da war die vietnamesische Börse fest in deutscher Hand. Täglich wurde ein hoher einstelliger Millionenbetrag an Zertifikaten von deutschen Emittenten auf Aktien aus dem Ho-Chi-Minh-Index gehandelt. Und immer, wenn Millionen an eine kleine, schwankungsanfällige Börse wie die in Hanoi fließen, steigen die Kurse rasant. So war es auch vor einem Jahr.

Gleich drei Emittenten hatten in kurzen Abständen entsprechende Zertifikate mit vietnamesischen Aktien als Basiswerte auf den Markt gebracht. Auf die Landesbank Berlin folgten die Deutsche Bank und deren Zertifikatetochter DWS Go. Allein die DWS sammelte innerhalb kurzer Zeit mehr als 50 Millionen Euro ein. „Free Lunch“ nennen Investmentbanker solch einen Vorgang. Damit ist keine Einladung zu einem kostenlosen Mittagessen gemeint, sondern die Einladung „mitzuzocken“ – kurz: dabei zu sein, wenn die Kurse steigen, und auszusteigen, wenn kein Geld mehr fließt, weil dann die Kurse mit großer Wahrscheinlichkeit wieder fallen. So kam es dann auch. Die Aktienkurse des großen Nachbarn China haben sich seit ihren Höchstständen Anfang März 2007 mehr als halbiert. Das schlug voll auf die kleine Börse in Hanoi durch. Es machte keinen Unterschied, ob die Produkte passiv den Index abbildeten oder aktiv gemanagt wurden.

Nach der vorübergehenden Schwächephase der Aktienmärkte ist Vietnam für Investoren aber wieder einen Blick wert.

Natürlich gilt das nur für risikobereite Anleger, diemit kleineren Beträgen auf dieses kleine Wachstumsland setzen sollten. Der deutsche Hype ist am vietnamesischen Markt jedenfalls wieder „ausgepreist“. Der Großangriff von Landesbank Berlin, Deutscher Bank und DWSGO hatte den Ho-Chi-Minh-Index von 600 Punkten Ende Oktober 2006 bis auf den Rekordstand von 1200 Punkten im März 2007 getrieben. Mittlerweile ist der Index aber wieder auf unter 600 Punkte zurückgefallen – fast auf den gleichen Stand wie vor der „deutschen Invasion“.

Der wirtschaftliche Ausblick für Vietnam ist langfristig positiv. Erst vor ein paar Tagen hat die Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) auf die Welt im Jahr 2050 geschaut und den Kreis der als relevant einzustufenden Schwellen- und Entwicklungsländer um 13 auf 20 erweitert. Das stärkste Wachstum mit im Schnitt jährlich 9,8 Prozent von 2007 bis 2050 trauen die PwC-Volkswirte in Dollar gerechnet den Vietnamesen zu. Auch in der Landeswährung wäre Vietnam nach dieser Studiemit 6,8 Prozent „spitze“. Davon dürfte auch die Börse profitieren und angesichts des Wachstumspotenzials wieder langfristig Fahrt aufnehmen. Wenn nicht deutsche Anleger mit ihren Millionen wieder für schnelle Berg- und Talfahrten sorgen.

Jürgen Röder
Jürgen Röder
Handelsblatt / Redakteur Finanzzeitung
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