Anleiheflut
Fragwürdige Geschäfte mit der Inflation

Anleger fürchten sich vor Inflation. Für die Banken ein gefundenes Fressen: Mit Inflationsanleihen appellieren sie an das Sicherheitsbedürfnis der Investoren. Das Problem: Nicht jedes Produkt schützt vor Geldentwertung.

FrankfurtDie Angst der Investoren vor der schleichenden Kapitalvernichtung hat die Zertifikate-Industrie sehr aufmerksam wahrgenommen. Ihre Reaktion: Viele Emittenten bringen derzeit neue Inflationsanleihen auf den Markt. Diese haben aus Sicht der Anbieter gleich mehrere Vorteile. Zum einen den Namen: Inflation und Anleihe in einem Wort ist aus Marketinggesichtspunkten kaum zu übertreffen. Denn "Inflation" schürt Unbehagen, und der Begriff "Anleihe" steht für Sicherheit. Eine Inflationsanleihe soll also ein maßgeschneidertes Anlageprodukt sein gegen eine ganz konkrete Befürchtung: den Geldwertverfall.

Dass die Zertifikate-Branche so schnell auf die Bedürfnisse der Anleger reagiert, ist die Sonnenseite der Geschichte. Im Schatten verstecken sich allerdings unschöne Entwicklungen. Denn man gewinnt unweigerlich den Eindruck, dass der eine oder andere Anbieter mit der Angst der Anleger spielt und Produkte anbietet, die ihrem Namen nicht wirklich gerecht werden.

Nicht jedes Produkt schützt tatsächlich vor Geldentwertung. So gibt es etwa Inflationsanleihen, deren Zinszahlungen im ersten Jahr fix sind, sich im zweiten und dritten Jahr an einem Inflationsindex orientieren, deren Rückzahlungswert im dritten Jahr aber von der Entwicklung eines Aktienindex abhängen. Mit anderen Worten: Die negative Entwicklung eines Aktienindex kann die komplette Rendite des Zertifikats auffressen. Im Extremfall sind sogar Verluste möglich, unabhängig davon wie sich die Teuerung entwickelt. Mit Verlaub: Das ist keine maßgeschneiderte Lösung, sondern wilde Spekulation.

Weitere Beispiele bieten Zertifikate, die an einen oder gleich mehrere nationale oder europäische Inflationsindizes gleichzeitig gekoppelt sind und entsprechend der Inflationsentwicklung Zinsen ausschütten oder reinvestieren. Der Effekt: Anleger investieren in Produkte, mit denen sie inflationsbereinigt garantiert Geld verlieren. Denn die entsprechenden Zertifikate werden mit Ausgabeaufschlag und/oder Verwaltungsgebühr angeboten. Der Verlust für die Anleger lässt sich sehr genau beziffern: Inflation minus Kosten. Optimisten könnten immerhin von Planungssicherheit sprechen.

Ein weiteres Beispiel ist eine gehebelte Wette auf einen Inflationsindex. Die Idee: Wenn die Inflation in den kommenden Jahren einen Mindestwert erreicht, wird dieser Wert am Ende mit einem Faktor X multipliziert. Tritt dieses Ereignis nicht ein, erhält der Anleger 100 Prozent des Nominalwertes zurück - ohne jeden Inflationsausgleich.

Es sind drei Beispiele, die zweierlei zeigen: Die Zertifikate-Industrie ist äußerst innovativ. Sie neigt jedoch dazu, mit ihrer Innovationskraft die Anleger zu überfordern.

Kontakt zum Autor: arnim@handelsblatt.com

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%