Börsen-IT
Emittenten rüsten ihre Rechner auf

Ein Computer macht Fehler, das hat besonders die Finanzkrise gezeigt. Um solche Rechenfehler künftig zu vermeiden, bauen die Emittenten derzeit ihre Computertechnik aus und machen einen alten Bekannten zu letzten Instanz: Den klassischen Börsenhändler.
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FRANKFURT. In der heißen Börsenphase zwischen Oktober und Dezember 2008 verhielten sich die Emittenten in Deutschland vorbildlich. Für alle ihre Anlage- und Hebelprodukte stellten sie verlässlich und vor allem zeitnah die Preise. Durchschnittlich 1,53 Sekunden vergingen im Zeitraum zwischen Oktober und Dezember 2008, bis eine Investorenorder am Börsenplatz Frankfurt platziert und ausgeführt werden konnte.

Nach Angaben der Handelsplattform Scoach bearbeiten die Computersysteme knapp 84 Prozent aller Kauf- und Verkaufsaufträge in weniger als zehn Sekunden. Rund 93 Prozent gingen innerhalb einer halben Minute in den Rechnern in Frankfurt ein. Derart zuverlässig war der Handel mit Zertifikaten nicht immer. Während der Beinahepleite von Bear Stearns und vor allem nach dem Konkurs von Lehman Brothers mussten private Investoren immer wieder Handelseinschränkungen auf Grund mangelnder Liquidität im Markt hinnehmen. Manch ein Emittent begründete diese Ausfälle mit Computerfehlern. Kritische Brancheninsider vermuten jedoch, dass im einen oder anderen Handelsraum im Eifer des Gefechts zwischenzeitlich einfach der Stecker aus den Rechnern gezogen wurde.

Mittlerweile haben die Zertifikateemittenten technisch aufgerüstet. Ihre Handelssysteme können jetzt weitaus größere Datenmengen verarbeiten. Und an allen deutschen Börsenplätzen steht die Liquidität der strukturierten Produkte im Mittelpunkt ihrer Qualitätsinitiativen.

Auch für den Deutschen Derivate Verband (DDV) spielt das Thema eine große Rolle. „Je schneller die Orderausführung, umso sicherer kann der Anleger sein, dass er den gewünschten Kurs erhält“, sagt Hartmut Knüppel, Hauptgeschäftsführer des DDV. Einen Emittenten oder einen Börsenplatz jedoch nur nach der Schnelligkeit des Handels auszuwählen, kommt nach Meinung des Verbandsvorstands nur für eine kleine Gruppe von Spezialisten in Frage. Denn nur bei den Hebelzertifikaten zählt jede Sekunde zwischen Platzierung und Ausführung der Order. Der Anteil von Hebelzertifikaten am Gesamtmarkt ist mit derzeit rund 1,3 Prozent aber vergleichsweise gering. Und für Anlage-Zertifikate werden zwar auch permanent Preise gestellt. Auf Grund der geringen Preisschwankungen ist die Ausführungsgeschwindigkeit der Orders jedoch von geringerem Interesse.

Dennoch optimiert die Börse Stuttgart mit ihren Regeln die Orderausführung beim Zertifikatehandel. „Damit ermöglichen wir eine faire, schnelle und transparente Ausführung der Aufträge sowie eine optimale Preisermittlung“, sagt Holger Schleicher, Leiter im Derivatehandel. So verpflichtet die Börse die Emittenten als Market Maker: Während der gesamten Handelszeit müssen sie für ein bestimmtes Mindestvolumen fortlaufend verbindliche An- und Verkaufspreise für ihre Produkte stellen. Schlechter als zu den Konditionen dieses Referenzmarktes darf dann keines der Zertifikate gehandelt werden.

Darüber hinaus installierte die Euwax so genannte Quality-Liquidity-Provider (QLP). Diese sollen als klassische Börsenhändler Fehler des Computersystems erkennen und manuell auflösen. „Die QLPs überprüfen die Plausibilität der Preise und können im Einzelfall sogar einen besseren Preis stellen als das elektronische System“, sagt Schleicher. Die QLPs können Teilausführungen einer Order verhindern und so auch die Gebührenbelastung für den Kunden gering halten. Vor allem bei technischen Störungen oder vergleichsweise hohen Ordergrößen muss der QLP eingreifen. „Dann kontaktiert der Händler direkt die Emittenten“, sagt Schleicher. Dies führt dann zwar zu einer längeren Ausführungsdauer der Order, dient aber ebenfalls dem Anlegerschutz.

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