Derivate-Experte im Interview: „Wir sollten dem Markt freien Lauf lassen“

Derivate-Experte im Interview
„Wir sollten dem Markt freien Lauf lassen“

Der Gründer der weltweit ersten Klimabörsen Richard Sandor erklärt, warum er einerseits an regulierte Börsen glaubt und andererseits die Gefahr einer Überregulierung sieht.
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Handelsblatt: Sie zeigen in Ihrem neuen Buch „Good Derivatives“ die positiven Seiten von Finanzderivaten. Ist das angesichts der noch nicht abgeebbten Kritik an Derivaten Mut oder Überzeugung?

Richard L. Sandor: Ich bin ein Überzeugungstäter. Klar, Mut gehört auch dazu– denn Derivate werden doch heute für alles Negative verantwortlich gemacht. Doch wenn Derivate richtig strukturiert und die Terminbörsen gut reguliert sind, bringen sie einer Volkswirtschaft einen riesigen Nutzen. 

Sie haben in den 70er Jahren als Chefökonom am Chicago Board of Trade Pionierarbeit geleistet . Dass Derivate seit mehr als zwei Jahrzehnten vor allem außerhalb regulierter Börsen entstehen und gehandelt würden, war damals nicht absehbar. Welche Risiken sind durch den Boom der OTC-Derivate entstanden?

Die durch OTC-Derivate existierenden Risiken sind enorm. Heute stellt sich das globale Finanzsystem auch deshalb als sehr fragil dar. Ich bin daher ein Befürworter regulierter Börsen. Hier erhalten die Marktteilnehmer jene Transparenz, die OTC-Märkte niemals bieten können. Börsen sind in einem marktwirtschaftlichen System eine ideale Einrichtung.

Die Pleite von MF Global hat jedoch gezeigt, dass es auch in diesem regulierten Börsensystem Schwächen geben muss. Hätten Sie damit gerechnet, dass so etwas jemals vorkommen würde?

Ehrlich gesagt: nein. Ich hoffe, dass man die Vorgänge lückenlos aufklären kann und dann auch sagen kann, an welcher Stelle es Verfehlungen gab. Bei Brokerhäusern und Clearing-Mitgliedern von Börsen gibt es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Kundengelder immer getrennt von Firmengeldern auf unterschiedlichen Konten gehalten werden müssen. Diese Regel wurde in diesem Fall möglicherweise nicht eingehalten.

Wir können also nicht nur aus solchen Vorfällen, sondern auch aus Exzessen, die zur Krise geführt haben, lernen?

Absolut. Vor allem sollten wir auf den Markt hören und den Kräften des Marktes so weit wie möglich freien Lauf lassen. Aus Sicht der Börsen – den Märkten der Märkte – ist festzustellen, dass es weder an den Kassa- noch an den Terminbörsen in der sehr langen Geschichte jemals einen Bailout gegeben hat. Regulierte und kontrollierte Börsen haben zudem niemals in irgendeiner Form ein Systemrisiko dargestellt.

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„Börsen bringen Kostenvorteile“

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  • ....Richard Sandor...sofort wegsperren...
    diese unverfrorenheit..aber es lernt eh niemand dazu ..es wird kommen was kommen muss...ein clash...schlimmer als die explosion von krakadoe..
    ,...

  • Es ist ungeheuerlich verantwortungslos, die Mär von den unregulierten Märkten zu vertreten. Mit einer Bankenregulierung hätte es die Immobilienkrise in den USA definitiv nicht gegeben. Wie kann jemand allen Ernstes behaupten, dass er an der Verbriefung von Schrottimmobilen nichts zu bemäkeln hat? Der Mann ist pervers. Alle Risikogeschäfte und Derivate gehören mit einem ordentlichen Margin als Eigenkapitaleinlage auf einem Sperrkonto hinterlegt, um die Anlager vor Ausbeutung zu schützen. Der Autor redet als erfahrener Börsen-Hai die Sachlage schön und will die Anleger weiterhin dem Emittentenrisiko ausgesetzt sehen, ohne den Hauch eines Schutzes. Wer in einer unruhigen Börsenphase `mal versucht hat seine Derivate zu handeln, hat eine böse Überraschgung erlebt, weil der Markt ausgesetzt war und keine Kurse gestellt wurden. Das ist Deregulierung nach Gutsherrenart, wie sie hier eingefordert wird. Nützlich wäre eine Regulierung, wonach der Anleger mindestens das doppelte des letzten Kurses erzielt, wenn der Handel ausgesetzt wird. Alles andere ich Abzocke. Ich will gar nicht kapieren, dass das BAFin auf allen Etagen weiterhin vor sich hindöst.

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