Finanzmarkt
Derivate sind keine Zockerpapiere!

Dynamitstangen, die an beiden Enden brennen. Das sagt SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück über Derivate. Doch er liegt völlig falsch. Gerade Mittelständler sind auf komplexe Finanzprodukte angewiesen. Eine Gegenrede
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Derivate gelten vielen als Zockerpapiere. Zu Unrecht! Tatsächlich dienen diese Finanzprodukte großen und kleinen Unternehmen dazu, ihre Erträge langfristig stabil zu halten, etwa indem sie mit Hilfe von Derivaten ihre Währungs- oder Zinsrisiken absichern. Dies zu tun, wird den Unternehmen jedoch immer schwerer gemacht, da das Regulierungskorsett der Derivatemärkte seit dem Ausbruch der Finanzkrise immer enger geschnürt wird.

In Zeiten der Globalisierung hat dies Auswirkungen auf die deutsche Unternehmenswirklichkeit. Stellen wir uns als Beispiel ein mittelständisches Unternehmen mit Sitz in Baden-Württemberg vor. Dieses fiktive Unternehmen hat es dank jahrzehntelanger Tüftelei geschafft, Weltmarktführer für Verpackungsmaschinen zu werden. Der schwäbische Weltmarktführer erwirtschaftet rund 50 Prozent seiner Erträge außerhalb des Euroraums, produziert aber weiterhin vorwiegend in Deutschland und weist seine Erträge natürlich auch in Euro aus.

Käme es jetzt zu einem Verfall des US-Dollars würden sich die in Euro umgerechneten US-Erträge unseres Hidden Champions dramatisch verringern. Schnell könnten sich Währungsverluste in Größenordnungen ergeben, die die typische Umsatzrendite eines deutschen Industrieunternehmens übersteigen und damit den unternehmerischen Erfolg insgesamt gefährden.

Das effektive Management der Währungsrisiken insbesondere mit Derivaten ist in einer globalisierten Welt daher von geradezu lebenswichtiger Bedeutung für Industrieunternehmen. So könnte sich der schwäbische Maschinenbauer beispielsweise über ein einfaches Devisentermingeschäft gegen die Währungsrisiken des Dollarraums weitgehend absichern.

Aber auch in anderen Zusammenhängen sind Derivate unverzichtbarer Bestandteil der unternehmerischen Risikostrategie – etwa zur Planung und Steuerung der Rohstoffpreis- oder Finanzierungsrisiken. Derivate, die zur Absicherung von Grundgeschäften eingesetzt werden, sind also alles andere als „Spekulation“ auf den schnellen Gewinn. Ganz im Gegenteil mindern sie Risiken und erhöhen die Planungssicherheit im operativen Geschäft, da durch sie künftige Erträge stabilisiert werden.

Man denke nur daran, wie attraktiv das derzeitige Zinsniveau ist. Wenn sich Unternehmen dieses Niveau auch nur ansatzweise über ein Zinsderivat langfristig sichern können, stärken sie ihre Widerstandsfähigkeit im Markt auf Jahre hin.

Kommentare zu "Derivate sind keine Zockerpapiere!"

Alle Kommentare
  • für den Privat- Anleger waren Optionsscheine wie Put Call ein sicheres Geschäft, wenn er mit gedeckten Optionscheinen arbeitete. Leider hat die Abgeltungssteuer den privaten Anleger das Geschäft vermasselt.
    Gefählich wird das Geschäft mit ungedeckten Derivaten, hier drohen Totalausfälle, Banken arbeiten überwiegend mit ungedeckten Optionscheinen, hier sollte der Gesetzgeber ansetzen und den Handel nur mit gedeckten Optionsscheinen zulassen

  • Mich würde ja interessieren aus welchen Veröffentlichungen die Autorin zu folgender Aussage kommt: "So hat es lange gedauert, bis die risikomindernden OTC-Derivate der Industrieunternehmen in der neuen EU-Derivateverordnung EMIR zum Beispiel von der Pflicht zur bilateralen Besicherung ihrer Derivatetransaktionen ausgenommen wurden"

    Weder aus dem EMIR Text noch aus dem ESMA Final Report kann man das rauslesen.

  • Es geht doch nur um Hetze und schon jetzt wieder um Werbung für seine Vorträge nach seiner verloren Kanzlerschaft.

    Dennoch zwei Anmerkungen zu Steinbrück:
    1.
    Weshalb hat er sein Mandat in der WestLB wahrgenommen und wahrscheinlich trotzdem Geld für diese nicht geleistete Tätigkeit eingestrichen?

    2.
    Weshalb hat er in seiner Funktion als oberster Bankenaufseher, als Bundesfinanzminister, nicht die Arbeiten erledigt, die er heute moniert?

    Die gesamte Argumentation Steinbrücks erscheint aufgesetzt, unglaubwürdig.

  • Wer Derivate handelt ist ein Buchmacher und muss als solcher eingeordnet werden. Jemand der sich hier noch Sand in die Augen streuen lässt, hat entweder ein verdecktes Motiv oder ist intellektuell nicht ganz bei der Sache.

  • Also ich versteh die Aufregung hier nicht! Erstens reicht es aus die Glücksspielsteuer auf alle nicht sachwertbezogenen Derivategewinne anzuwenden, um diesem Markt die Luft rauszulassen. Zweitens muss man das Schneeballsystem der Derivate abstellen, weil nämlich Derivate in Derivaten stecken zur Gegenfinanzierung. Ergo eine immense Luftnummer! Maddoff hatte wieviele Jahre für sein kleines Schneeballsystem bekommen? Hier sind deutlich mehr Jahre drin - Too big to go to jail!

  • Bei Kapitalunterlegung und Transparenz absolut einverstanden. Unbedingte Bindung an ein Grundgeschäft stelle ich mal jetzt noch zur Disposition. Da könnte ich mir auch strenge Restriktionen vorstellen (für Unternehmen, Institutionelle und Privatanleger): Keine Engagements auf Kredit und nur Investments in Produkte mit Maximalverlust von 100%, also ohne potenzielle Nachforderungen.

  • @DMS

    Sie haben absolut recht. Was die Kosten angeht, kommt ja dann bald noch die Transaktionssteuer oben drauf, was jedes Sicherungsgeschäft, jede Rückdeckung oder Prolongation noch weiter verteuert. Ganz am Rande bemerkt, hatten solche Geschäfte mit der die Krise auslösenden Schrottanleihen oder dem kompletten Versagen der Gemeinschaftswährung nichts, aber auch garnichts zu tun. Allerdings habe ich, bei den Dumpfbacken die wir in der Politik sitzen haben, jede Hoffnung auf vernünftige Lösungen aufgegeben - man wird wohl nur noch über Tochtergesellschaften außerhalb der EU halbwegs bezahlbare Kurs- und Zinssicherungsgeschäfte abschließen können.

  • Derivate werden zu 80% für den eigentlichen Zweck (etwa die tatsächliche Lieferung von Weizen zu einem vorher vereinbartem Preis), zu 15% zur Absicherung gegen Risiken und nur zu 5% zu rein spekulativen Zwecken. Ja, bei börsennotierten Derivaten gibt es darüber Statistiken und Meldepflichten. Die mit Abstand größten Markteilnehmer im Rohstoffbereich sind dabei die tatsächlichen Verwender. Viele Derivate sind so teuer, dass sie für Privatleute und kleine Spekulanten gar nicht finanzierbar sind. Das sind mal ein paar ganz nüchterne Fakten. Ich weiß aber, dass ein dumpfes 'böse Banken' und 'Massenvernichtungswaffen'-Bashing viel einfacher ist. Das beste an Vorurteilen ist ja, dass man nicht mehr denken muss. Glauben reicht.

  • Dass sich ausgerechnet die Chefin des DAI, einer Aktienlobby pro forma, für Derivate thematisch so eng fokussiert ergo faktisch undifferenziert hergibt - wo ausgerechnet Aktien nicht zuletzt infolge von Zwangsexekutionen nach Platzen der Kreditderivateblase zT. in abstrus niedrige Bewertungen verprügelt wurden - ist schon ziemlich bedenklich.

    Sie hättte sich besser über die Fehlallokation in ihrem Land iHv. >>100 Mrd Anlagekapital in Derivate anstatt in derweil auch noch politisch repressierte Investitionen echauffiert.

  • Der Artikel ist gut und wichtig geht aber bei weitem nicht auf die Konsequenzen ein, die sich hier alle mal bewusst machen sollten. Wenn man den Unternehmen die Möglichkeit nimmt ihre Risiken durch Derivate abzusichern oder sie unnötig verteuert dann werden die Unternehmen nicht einfach das Risiko tragen. Sie werden es anderweitig absichern. Um es mal ganz klar zu sagen:

    @Währungskrisen: Dies heißt die Abwanderung der Produktion/Entwicklung in die Absatzländer um zu verhindern das die Einnahmen und Kosten in verschiedenen Währungen bestehen. Dann ist nur noch der Gewinn in Euro von Währungsschwankungen betroffen aber gefährdet nicht mehr das gesamte Unternehmen.

    @Finanzrisiken: Minderung der Fremdfinanzierung und damit Verringerung der Investitionen. Was auf langfristige Sicht sicherlich dem Unternehmen nicht gut tut aber auch dafür sorgt das Arbeitsplätze in der Forschung, Entwicklung und Produktion verloren gehen.

    Die Deutschen und vor allem Europäer sind mal wieder grandios darin sich ins eigene Fleisch zu schneiden. Freuen wird es die Engländer, Schweizer, Amerikaner und alle anderen die Basel III nur in Teilen adoptieren werden.

    Es macht sicherlich keinen Sinn, dass Privatanleger, Kämmerer oder kleine Sparkassen mit Derivaten „rumspekulieren“. Allerdings sollte man Unternehmen dies durchaus gestatten und auch Banken sollte man zutrauen das Risiko ihrer Gegenparteien alleine einschätzen zu können.

    Viel wichtiger wäre es sich mal zu Fragen warum wir jetzt so viele Banken haben, die viel zu groß sind um nach falschen Entscheidungen einfach Bankrott gehen zu können. Das wäre mal ein Problem an dem man Arbeiten sollte anstatt an den Symptomen rumzudoktern und mehr Schaden als alles andere anzurichten.

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