Lehman-Opfer
„Niemand sagte mir, dass es eine Wette ist“

Und dann waren seine 50 000 Euro weg, einfach so. Die lang erträumte Reise nach Griechenland: gestrichen, die Rücklagen für die eigene Pflege und die der Frau: zusammengeschmolzen, die Angst, in den kommenden Jahren hilflos und schlecht versorgt dahinzuvegetieren. Wolfgang Schmitt ist einer von fünfzigtausend Lehman-Opfer.

FRANKFURT. Selbst ein Jahr nach dem 15. September, als die traditionsreiche amerikanische Investmentbank Lehman Brothers pleiteging, kann der 74-Jährige seinen Verlust kaum fassen. "Der Berater wusste doch, dass ich das Geld für die Altersvorsorge anlegen wollte, ich hab dem doch vertraut", sagt der Rentner aus dem Umland von München. Jetzt weiß er nicht einmal mehr, wo er das Geld für neue Zähne hernehmen soll.

Um sein Erspartes wollte er sich nicht kümmern müssen, nur vermehren sollte es sich, mindestens die Inflation ausgleichen. 35 Jahre lang setzte Schmitt auf den Werbeslogan der "Beraterbank" , stets kaufte er die Papiere, die ihm die Dresdner Bank empfahl. So wie an jenem milden Wintertag Ende Februar 2007. Es war ein Gespräch wie alle anderen zuvor. Man müsse sich mal wieder über das Depot unterhalten, hatte der Berater am Telefon gesagt und einen Termin vereinbart. Die Papiere seien absolut sicher, habe der Banker über einer Tasse Kaffee versichert, und obendrein könnten sie eine schöne Rendite abwerfen: sechs bis sieben Prozent pro Jahr. Schmitt glaubte ihm und unterschrieb.

Danach hat er von seinem Berater nie wieder etwas gehört. Bis heute hüllt sich die Dresdner Bank dazu in Schweigen. Den Fall kommentieren will sie nicht , Zahlen zu ihren Lehman-Opfern nennt sie nicht. Die Beratung sei adäquat und anlegergerecht, sagt ein Sprecher. Für Beschwerden gebe es den Ombudsmann.

"Aber dass ein Zertifikat eine Wette ist, hat der Berater nicht gesagt, sonst hätte ich das doch gar nicht gemacht", schimpft Schmitt heute. Zocken wollte der Softwareentwickler nie. Nur den Ruhestand genießen mit ein bisschen Geld auf der hohen Kante.

So wie die meisten Lehman-Opfer. Auf rund 50 000 schätzt die Deutsche Vereinigung für Wertpapierbesitz ihre Zahl, auf einen "hohen dreistelligen Millionenbetrag" die Verluste. Der Münchener Anlegerschutzanwalt Peter Mattil geht sogar von rund einer Milliarde aus. "Doch die meisten werden ihr Geld nie wieder sehen, die Banken sitzen das einfach aus", sagt er. Denn wer klagen will, muss zahlen. Rund 7 500 Euro müsste Schmitt investieren - mindestens, Ausgang ungewiss. Dafür ist kein Geld übrig, wie bei den meisten Lehman-Anlegern. Und mit "Täfelchen in der Hand" vor der Bank zu demonstrieren wie so viele andere, das ist seine Sache nicht. Im kommenden Februar verjähren seine Ansprüche. "Aber bis dahin hab ich das Geld für die Klage vielleicht doch zusammen", sagt er und klingt zum ersten Mal kampfeslustig.

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