Lehman-Opfer wollen klagen
Finanzkrise: Kein Geld mehr, nur Wut

Die Finanzkrise hat Tausende deutscher Anleger um ihr Erspartes gebracht. Die ersten Opfer wollen klagen - die Vorboten einer Prozesswelle, von der eher die Anwälte als die Anleger profitieren werden.

FRANKFURT An diesem Tisch geht es um Geld, viel Geld. Die Diskussion dreht sich um 229 000 Euro verlorenes Kapital. Das war der Grundstein für eine Eigentumswohnung, die nicht gekauft wird; das Polster fürs Alter, das auf null zusammengeschmolzen ist; das neue Auto, das warten muss; der Jugendtraum von der großen Reise, der zu platzen droht; die Promotionsfinanzierung, die jetzt wackelt, und die Ausbildungsvorsorge für die vier Kinder. Das alles hat sich mit der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers in Luft aufgelöst - für das knappe Dutzend Menschen, die hier an diesem Tisch in einer Heidelberger Kneipe sitzen.

Wilde Zocker sind sie alle nicht, die hier ihren Cappuccino und ihr Mineralwasser trinken, eher auf Sicherheit bedachte Rentner und Familienväter. Ihre Geschichten ähneln sich - wie so viele derer, die ihrem Bankberater vertraut haben, als er ihnen zu Zertifikaten von Lehman riet.

Einen zweistelligen Millionenbetrag hat sie das nach Schätzungen von Anlegerschützern gekostet. Denn vor einem Monat ging das amerikanische Traditionsinstitut pleite und riss mindestens 12000 deutsche Kleinanleger mit in den Strudel der Finanzkrise, schätzt die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

Jetzt gleichen sich nicht nur ihre Geschichten, sondern auch ihre Hoffnungen: Dass vielleicht doch noch alles gut wird, wenn man nur die Bank verklagt, dem Berater Fehlverhalten nachweist. Andere Möglichkeiten haben sie nicht, denn Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen und fallen damit nicht unter die Einlagensicherung. Geht der Emittent pleite, gehen die Anleger leer aus.

Die Hoffnung, das ist heute Abend Claude Dawood, seit vier Jahren Anwalt, seit eineinhalb Monaten selbstständig und mit 35 fast der Jüngste hier in der Runde in der Heidelberger Innenstadtkneipe. Der Rechtsanwalt ist aus Stuttgart zu dem Treffen gereist. Erfahren hat er davon über das Chatforum der Betroffenen, dort hat er sich zu Wort gemeldet.

Wie bei anderen Anwälten auch häufen sich bei ihm seit Mitte September die Anfragen der Lehman-Anleger. Vor drei Wochen kam der erste Mandant zu ihm. Dann hat er "irgendwann nachts" eine Internetseite "zusammengeschustert", wie er sagt, und jetzt referiert er über Tricks, wie die Abtretung der Ansprüche an Lebenspartner und Familienmitglieder, damit Bankkunden, die sich falsch beraten fühlen, selber als Zeugen aussagen können. Dawood zitiert höchstrichterliche Entscheidungen über die notwendige Offenlegung versteckter Provisionen an Bankberater, sogenannte Kickbacks, und bietet "für alle, die am Tisch sitzen" eine Erstberatung für 50 Euro.

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