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04.05.2008 
Fidelity European Growth Fund

Steife Oberlippe trotz Gegenwind

von Anke Rezmer

Über die Arbeit von Alexander Scurlock wachen Millionen von Anlegern. Der Fondsmanager der angelsächsischen Fondsgesellschaft Fidelity steuert einen der bekanntesten und größten Aktienfonds, die in Deutschland verkauft werden. Vor allem deutsche Anleger haben ihr Finanzvermögen in den mit 14 Mrd. Euro schweren European Growth Fund investiert.

Lupe

FRANKFURT. Gut erinnern sich die privaten Anlegern an die wechselvolle Geschichte des europäischen Aktienfonds: Der heute achtzehn Jahre alte Fonds entwickelte sich unter seinem legendären ersten Fondsmanager Anthony Bolton aufgrund seiner stets überdurchschnittlichen Renditen selbst zur Legende. Nach dreizehn Jahren gab Bolton das Steuer ab, sein Nachfolger Graham Clapp konnte nicht an den Erfolg anknüpfen.

Der Fonds schwächelte im Jahr 2006 in der Wertentwicklung und wurde von den Anlegern hart abgestraft. Sie entzogen dem Fonds in den Jahren 2006 und 2007 rund ein Drittel seines Vermögens. Nicht nur Fondsmanager Clapp trat ab. Auch der damalige Deutschland-Chef Klaus Baum-Jürgen nahm seinen Hut, da rund 40 Prozent des Fondsvermögens, das in der Spitze 21 Mrd. Euro betrug, von deutschen Anlegern stammte.


Tabelle  Infografik: Wertentwicklung des Fidelity European Growth Fund


Als der selbstbewusst wirkende, Zuversicht ausstrahlende Scurlock Anfang Januar 2007 das Management des angeschlagenen Vorzeige-Fonds übernahm, stellte er sich keiner geringen Herausforderung. Scurlock sprach bei seinem Antritt von "einer großen Verantwortung" und setzte sich zum Ziel, "mittelfristig den besten europäischen Aktienfonds zu managen". Mittelfristig bedeutet für ihn drei Jahre. Nach knapp der Hälfte der Zeit hat der 41-jährige Brite mit Wahlheimat Schweiz einiges erreicht, steckt mit dem Fonds aber wieder in einer spannenden Phase.

Scurlock hat mit seinem Ansatz, unbeirrt nach günstig bewerteten, aussichtsreichen Aktien zu suchen, in seinem ersten Jahr mit dem European Growth Fund gut abgeschnitten. Mit einer Wertsteigerung von 6,1 Prozent ließ er die Konkurrenz weit hinter sich. Außerdem schlug er den Vergleichsindex MSCI Europe, der gut zwei Prozent zulegte. Experten wie André Härtel, Fondsanalyst bei Feri Rating & Research, loben den "konsequenten, nachvollziehbaren" Ansatz des Fonds.

Scurlock habe trotz anhaltender Kapitalabflüsse im Jahr 2007 einen sehr guten Job gemacht, meint auch Michael Keilholz, Vorstand beim größten deutschen Maklerpool BCA. So habe er den Schwenk hin zu großen Aktien zum richtigen Zeitpunkt getan, als die jahrelange Rally kleiner Werte vor gut einem Jahr endete. Keilholz beeindruckt der "spezielle Ansatz Scurlocks, sich die Welt, Trends und Verflechtungen von Sektoren anzuschauen und herauszufinden, welche Unternehmen davon besonders profitieren". Scurlock kämen dabei die immensen Researchkapazitäten Fidelitys mit mehr als 300 Analysten zugute.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Fidelity hat aus der jüngsten Absatzkrise gelernt

Gerade hat Scurlock eine Woche China bereist. "Ich wollte sehen, was in China passiert und herausfinden, welche Folgen das für europäische Firmen hat", sagt er. In Europa herrsche noch das Thema Finanzkrise vor: Deren Tiefpunkt will Scurlock zwar Ende März erkannt haben, überstanden sei die Krise aber noch nicht. Gleichwohl setzt Scurlock aktuell stark auf Finanztitel (siehe Infografik "Schwerpunkt Finanzen"). Einige Versicherungsaktien seien zu stark abgestraft worden, meint er. Zu seinen Top-Titeln zählen Münchener Rück und Allianz. Bei Banken mag er Geldhäuser wie HSBC, das seinen Schwerpunkt in Asien hat.


Tabelle  Infografik: Schwerpunkt Finanzen - Sektorengewicht des Fidelity European Growth Fund


Besondere Chancen sieht der Fondsmanager bei Firmen, die von aktuellen Risiken wie der Inflation nicht belastet würden, sondern zum Beispiel von der starken Nachfrage aus China profitierten. Dazu zählt er unter anderem Rohstoff- und Grundstoffwerte. Als Beispiel nennt er den Stahl-Weltmarktführer Arcelor Mittal. Seinen Fokus auf große Aktien will er vorerst beibehalten, da diese Titel im Gegensatz zu mittelgroßen und kleineren Werten günstig seien.

Im vergangenen Monat hat der Fonds mit einem Minus von 5,7 Prozent deutlich schlechter als Konkurrenz und Index abgeschnitten. Märkte, in denen Anleger aus Angst alles verkauften, seien schwer einzuschätzen, sagt Scurlock. Er bleibe seiner Strategie treu und warte darauf, dass der Markt wieder auf Fundamentales reagiere. "Dennoch frustriert das einen Fondsmanager", gibt er zu. Der Fonds habe unter dem schwachen Siemens - und Vodafone-Kurs gelitten.

Kurze Schwächephasen beeinflussen die längerfristig ausgerichteten Fondsratings kaum. Feri gibt Scurlock noch die Bestnote "A": Die längerfristige Wertentwicklung dürfe allerdings nicht leiden, und die Volatilität sollte auch nicht weiter zunehmen, sagt Analyst Härtel. Grundsätzlich spreche für den Fonds die Chance auf überdurchschnittliche Rendite, die der konsequente Ansatz ermögliche. Gerade in Zeiten starker Konkurrenz durch passive, indexabbildende Fonds biete Scurlock eine Alternative. Auch Keilholz sieht den Fonds als Basisanlage in der Region Europa für jeden aktieninteressierten Investor.

Fidelity hat übrigens aus der jüngsten Absatzkrise gelernt und kommuniziert jetzt stärker mit den Vertriebsfirmen. "In vielen Fällen werden Fonds immer noch mehr verkauft, als von Investoren gekauft", sagt Härtel. Fidelity hat nach Ansicht von Marktbeobachtern unterschätzt, wie stark Bankvertriebe und Vermittler Schwächephasen ausnutzen, um Provisionen zu kassieren. Anfang Januar floss dem Fonds erstmals seit Mitte 2006 wieder Kapital zu. Aktuell leidet er wie alle Aktienfonds.

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