Der DWS Vermögensbildungsfonds I gilt als klassisches Basisinvestment, leidet jedoch unter Mittelabflüssen. Das Management versucht gegenzusteuern und dabei alle Fettnäpfchen zu umkurven. Letztlich steht und fällt der Fonds aber mit den Ideen und dem Instinkt von Manager Klaus Kaldemorgen.
Börse in New York: Die Manager des DWS Vermögensbildungsfonds I spekulieren darauf, dass sich der US-Aktienmarkt erholt. Foto: AP
BERLIN. Die Spitzenmannschaft auf dem Fonds-Flaggschiff hat gewechselt, aber der DWS-Klassiker "Vermögensbildungsfonds I" setzt die Reise unbeirrt fort. Klaus Kaldemorgen hat sich bis zum Sommer aus dem operativen Geschäft zurückgezogen, um sich um seine kranke Frau zu kümmern. Er hat das Fondsmanagement für diese Zeit an seinen bisherigen Stellvertreter Marc Kniess-Alexander abgegeben. Am Kurs des DWS-Schwergewichts, das in weltweite Aktien investiert, ändert das wenig.
Der DWS Vermögensbildungsfonds I trägt die Handschrift von Kaldemorgen, egal ob der Kapitän selbst auf der Kommandobrücke steht oder aus der Ferne steuert. "Kaldemorgen hat seine Meinung zum Gesamtmarkt und gibt die Richtung und Investmentthemen vor. Die konkrete Umsetzung, also die Auswahl der Einzelwerte, hat auch bisher schon das Team hinter ihm, also die Manager und Analysten, übernommen. Es hat sich jetzt nicht viel geändert", sagt Werner Hedrich, Leiter des Fondsresearchs bei Morningstar Deutschland. "Bei einem anderen Haus wäre ich beunruhigt, aber hier bleibe ich ganz gelassen."
Zudem ist Kniess längst kein Unbekannter mehr: Er ist seit acht Jahren im Team von Kaldemorgen und selbst der Chef von fünf DWS-Fonds, etwa des Aktienfonds "DWS Intervest" (knapp 500 Mill. Euro Fondsvermögen) und des "Löwen-Aktienfonds" (knapp 100 Mill. Euro). Auf Sicht der vergangenen zwölf Monate hat Kniess sogar weniger im Minus gelegen als Kaldemorgens Vermögensbildungsfonds I: Während dieser rund elf Prozent an Wert verlor, verbuchte der DWS Intervest nur ein Minus von knapp neun Prozent, und der Löwen-Aktienfonds gab sechs Prozent nach. Eine Ursache sind sicher auch die unterschiedlichen Anlagespektren: Der Löwen-Aktienfonds investiert in europäische, amerikanische und asiatische Aktien, wobei der Anlageschwerpunkt in Europa liegt. Der DWS Intervest hat ebenso wie der DWS Vermögensbildungsfonds I weltweit freie Hand und wird am MSCI Welt-Index gemessen.
Kniess hat das Ruder in einer schwierigen Phase übernommen: Der Jahresanfang war alles andere als glänzend. Der DWS Vermögensbildungsfonds I - aktuell rund fünf Mrd. Euro schwer - hat weiter mit Mittelabflüssen zu kämpfen. Im vorigen Geschäftsjahr 2006/2007, das im September 2007 endete, flossen aus dem Fonds über 1,3 Mrd. Euro ab; 220 Mill. Euro waren es in diesem Januar. Kniess will diesen Trend natürlich umkehren. Die Hausse im vorigen Jahr sei an vielen Privatinvestoren vorbeigegangen.
Vielen Anlegern stecke der Schock nach dem Crash der New Economy immer noch in den Knochen, und die Kursentwicklung der vergangenen sechs bis neun Monate habe die Skeptiker in ihren Befürchtungen bestärkt. "Wenn sich aber auf Sicht der nächsten sechs bis neun Monate der Dollar stabilisiert und die Kurse fester werden, dann schalten bei den Anlegern die Ampeln wieder auf grün. Dann wollen alle wieder durch die gleiche, schmale Tür", hofft Kniess. Und: Die bevorstehende Abgeltungsteuer werde vermutlich Anleger ab Mitte des Jahres wieder verstärkt in Aktienfonds investieren lassen, vermutet der Fondsmanager.
Kniess selbst beschreibt den Vermögensbildungsfonds I als ein "klassisches Basisinvestment". Denn das Anlageprofil gibt dem Management freie Hand: Es gibt keine vorgegebenen Quoten für Länder, Sektoren, Währungen oder bestimmte Aktienmarktsegmente. Und laufen die Aktienmärkte schlecht, kann bis zu einem Fünftel des Fondsvermögens in der Kasse geparkt werden. Währungs- und Kursrisiken können durch Derivate abgesichert werden. "Wir gehen keine großen Einzelrisiken ein, das ist ein Fonds für die Altersvorsorge mit Aktien", sagt Kniess. Genauso sieht auch Morningstar-Experte Hedrich das DWS-Flaggschiff: "Das ist kein Fonds, der exponentiell hohe Risiken eingeht. Das Fondsmanagement ist risikoavers und versucht, alle Fettnäpfchen zu vermeiden." Die Konsequenz: Der Fonds werde im Bullenmarkt auch nie ganz oben mitspielen, aber dafür in einem Bärenmarkt allenfalls in die Mitte abrutschen, sagt Hedrich.
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Diese Strategie hat dem Fonds auf sehr lange Sicht eine gute Wertentwicklung beschert: Seit der Auflegung 1970 hat er um 2 415 Prozent zugelegt - das sind umgerechnet knapp neun Prozent pro Jahr. Auf Sicht von zehn Jahren ergibt sich ein Plus von 117 Prozent . Zum Vergleich: Der Vergleichsmaßstab des Fonds, der MSCI-World-Index, hat im gleichen Zeitraum nur um 0,09 Prozent zugelegt - bei vergleichbarer Schwankungsbreite. Das sehr gute Zehnjahresresultat führt denn auch Morningstar-Analyst Hedrich als Plus des Fonds an. Hingegen habe dieser DWS-Fonds in den vergangenen drei und fünf Jahren nur durchschnittlich abgeschnitten, moniert Hedrich.
Letztlich steht und fällt der Fonds mit den Ideen und dem Instinkt Kaldemorgens. Denn der Vermögensbildungsfonds I ist ganz klar nach dem sogenannten Top-Down-Ansatz gestrickt: Ausschlaggebend ist die Meinung und des Fondsmanagers zu den großen und langfristigen Marktbewegungen. Erst dann werden diese auf Sektoren, Regionen und Währungen heruntergebrochen. Und danach erst empfehlen die Analysten im Fondsteam die Einzeltitel.
Infografik: Wertentwicklung des DWS Vermögensbildungsfonds I
Solche Megathemen sind etwa das Anziehen der US-Märkte, die Stabilisierung des Dollars, das nach wie vor bestehende Risiko im Markt und das Wachstum in Asien. Steigende Rohölpreise und der Klimawechsel sind weitere dieser Megathemen. Dementsprechend werde auch die Performance dieses Fonds nicht vom "Stock-Picking", also der Auslese von Einzeltiteln, getrieben, sondern von der Ländereinteilung, der Sektorauswahl, der Aufteilung zwischen Aktien und Kasse und dem Währungsmanagement, sagt Hedrich. Seine Kollegin Lesley Hodges-Ann von Standard & Poors sieht es genauso: Die wichtigste Quelle für den Mehrwert dieses Fonds in der Vergangenheit seien die Entscheidungen Kaldemorgens gewesen, wie er das Portfolio auf Regionen und Sektoren aufgeteilt habe.
Das Aktienportfolio des DWS Vermögensbildungsfonds I ist meist zwischen 90 und 100 Titel stark, die relativ lange gehalten werden. Ende des ersten Quartals hatten der Ölindustrie-Ausrüster Schlumberger und die Finanzwerte Münchener Rück und Allianz das höchste Gewicht im Portfolio.
Kniess setzt jetzt stark auf einen schwächeren Euro beziehungsweise einen sich stabilisierenden Dollar und ein Anziehen der US-Märkte. "Wir erwarten, dass die USA und Japan als erste dynamisch aus der schwachen Marktphase herauskommen", sagt der Fondsmanager. "Und in der zweiten Jahreshälfte werden wir dann sehen, wie nachhaltig diese Entwicklung sein wird." Momentan sei der Fonds auch über Indexfutures in den USA engagiert. Sukzessive sollen diese aber zugunsten von Engagements in einzelne US-Titel aufgelöst werden. "Wir werden diese Positionen Schritt für Schritt aufbauen, die Größe unseres Fonds zwingt hier zur Disziplin", sagt Kniess.
Auf mittlere Sicht sei das Fondsmanagement mit seiner Top-Down-Strategie gut gefahren, habe allerdings 2005 wegen übergroßer Vorsicht das Nachsehen gehabt, bescheinigen die Fondsanalysten von Standard & Poors dem Management. "2003 war die Performance sehr stark aufgrund der rechtzeitigen Investitionen in zyklisches Wachstum und ein stärkeres Engagement in Südostasien und Japan." Im Jahr darauf habe sich der Wechsel hin zu einer mehr defensiven, zurückhaltenden Strategie ausgezahlt, doch 2005 habe das Fondsmanagement damit den Zug verpasst und vor allem in den Schwellenländern und in Japan zu wenig investiert. "Brasilien und eine gute Aktienauswahl in China haben dann 2006 den Fonds wieder in das Top-Viertel in seinem Segment zurückgebracht." Für die Untergewichtung des US-Marktes und den rechtzeitigen Rückzug aus Japan im vorigen Jahr geben die S&P-Analysten dem Fondsmanagement Pluspunkte.
Bleibt die Frage, wie gut Kaldemorgen und Kniess ihren Top-Down-Ansatz in der veränderten Konstellation in der Praxis umsetzen. Einen Vertrauensvorschuss der Analysten haben sie jedenfalls.

