Affären der Geldhäuser
„Banken akzeptieren, dass Skandale auftreten“

Aus Gier trieb Nick Leeson die Barings Bank in den Ruin. Nun prangert ausgerechnet der Skandalhändler die lasche Aufsicht an - und rügt die Deregulierung der Finanzbranche. Das habe eine fatale Risiko-Kultur entfacht.
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Handelsblatt: Herr Leeson, Sie haben mit Milliardenverlusten die Privatbank Barings vor gut eineinhalb Jahrzehnten in die Pleite getrieben. Was sagen Sie vor diesem Hintergrund zu Betrügereien beim Libor?
Nick Leeson: Ich war geschockt. Sehen Sie, ich wurde in Singapur 1999 aus der Haft entlassen, wo ich die Strafe für meine Fehlspekulationen verbüßte. Zu den ersten Fragen danach gehörte immer: Kann so etwas wieder passieren? Da ich weiß, wie die Kontrolleure im Jahr 1995 alle Zweifel, jeden Verdacht ausgeblendet hatten, als ich mit Derivaten ein Riesenrad drehte und Verluste machte, dachte ich eigentlich: So viel Inkompetenz kann es nicht mehr geben. Aber ich werde immer wieder eines Besseren belehrt. Seit meinen Milliardenverlusten durch Derivate gab es massenweise Skandale. Ich erinnere nur an den Fall des Wertpapierhändlers Kweku Adoboli von UBS, der Milliarden ebenso verspielte wie der französische Skandalbanker Jérôme Kerviel von Société Générale.

Das kann ausgerechnet Sie schocken?
Ja, immer wieder aufs Neue. Der Libor-Skandal besitzt allerdings eine neue Qualität. Ich bin erschrocken vom Weg und der Methode, wie der Betrug ablief. Hier handelt es sich um einen globalen Skandal, um einen internationalen Händlerring, in dem viele unterschiedliche Banken von Rang und Namen wie Barclays, aber auch die Deutsche Bank verwickelt sind. Es geht nicht mehr nur um einzelne Personen wie etwa in meinem Fall. Als ich den Bankenberuf 1987 erlernte, war der Referenzzinssatz Libor so etwas wie der "Heilige Gral" des Bankenwesens, ein Zinssatz, der sehr wichtig im Geschäft der Geldhäuser ist. Was ich aus dem Fall, aus den vielen Beteiligten herauslese, ist ein erschreckender Kulturwandel in den Banken.

Sind Banken nicht lernfähig?
Bei mir kommt das Gefühl auf, dass die Banken mehr als jede andere Branche akzeptieren, dass Skandale auftreten. Sie glauben offenbar, das passiert nur dem Konkurrenten und nicht mir. In der Psychologie nennt man das einen fundamentalen Zuordnungsfehler. An die Banker muss eine klare Botschaft gesandt werden ?

...welche?
Dass so ein Verhalten nicht toleriert wird und harte Strafen nach sich zieht. Ich war geschockt, als ich las, dass einer der Händler der Deutschen Bank, die offenbar in den Zinsskandal verwickelt sind, inzwischen für einen der großen Hedge-Fonds arbeitet.

Trifft der Libor-Fall den Finanzplatz London hart, der mit New York um die weltweite Führerschaft rangelt?
Absolut. Deswegen würde London den Fall am liebsten totschweigen. Es gibt nicht nur die Finanzplätze London und New York. Auch nach Hongkong oder Frankfurt kann schnell Geschäft abwandern.

Kommentare zu " Affären der Geldhäuser: „Banken akzeptieren, dass Skandale auftreten“"

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  • Es scheint so zu sein, dass außer Lippenbekenntnissen bei den Politikern und Bankern sich nichts zum Positiven verändert hat

  • Banken mögen die Bankenskandale akzeptieren, wir die dafür zahlen müssen, akzeptieren diese nicht.

  • Puh, ein Glück. Da ist er wieder, der Handelsblatt Gierbänker. Hatte mich gestern schon gefragt, wo er bleibt, aber er hatte eine Urlaubsvertretung: dern "Giererben".
    Owei, Handelsblatt

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