Analysten: Föderale Struktur behindert Reformen: Deutschen Banken rennt die Zeit davon

Analysten: Föderale Struktur behindert Reformen
Deutschen Banken rennt die Zeit davon

Die internationale Analystenschar traut deutschen Banken nicht mehr viel zu. Die Zeit läuft den Instituten davon. Während sich die internationalen Konkurrenz verbessert, bleiben die meisten Banken in Deutschland bestenfalls stehen. Mittelfristig seien Hypo-Vereinsbank und Commerzbank Übernahmekandidaten.

LONDON. Manchmal breitet sich in Stuart Grahams Gesicht ein Lächeln aus, von dem man gar nicht sagen kann, ob es freundlich oder ironisch gemeint ist. Nicht dass der Analyst von Merrill Lynch in solchen Momenten die ihm eigene Zurückhaltung verliert. Es liegt eher daran, was er dabei sagt. Wenn er etwa von der Studie über deutsche Banken spricht, die er einen Tag nach der Bundestagswahl veröffentlichte. Sie trug im Titel nur zwei Worte; doch die hallten wie ein Donnerschlag: „Turning Japanese“, ein Abgesang auf den Bankstandort Deutschland in 15 Buchstaben. Heute sagt Graham, er wisse nicht, warum der Report so einen Wirbel auslöste, dann zeigt er dieses unbestimmbare Lächeln. „Eigentlich habe ich nichts gesagt, was außerhalb Deutschlands nicht schon als selbstverständlich galt.“

Sicher. Aber Graham ist seit sieben Jahren im Geschäft. Das ist lang genug, um zu wissen, was seine Worte auslösen können – auch wenn der Vergleich zu Japan aufgrund der Unterschiede doch ein wenig hinkt. Zwar wird der 35-Jährige mit seinem Team auch in diesem Jahr im Fachmagazin Institutional Investor „nur“ als Verfolger der drei Top-Analysten Europas im Bankensektor geführt. Doch gilt Graham mittlerweile als einer der erfolgreichsten, einflussreichsten (und best bezahlten) seiner Zunft. Selbst der im nächsten Jahr scheidende Chairman der mächtigsten Finanzaufsicht Europas (FSA), Sir Howard Davies, lässt im Zusammenhang mit seinem Namen das Wort Staranalyst fallen.

Der Merrill-Analyst ist nicht der einzige, der deutsche Banken in diesen Tagen in Grund und Boden bewertet. So sagt etwa Chief Investment Officer Mark Pignatelli vom englischen Fondsmanager Schroders plc., „dass es noch viel schlechter wird, bevor es besser geht“. Bei Graham aber, so scheint es, haben die Urteile besonders viel Verve. Hypo-Vereinsbank? „Kein Aufwärtspotenzial.“ Deutsche Bank? „Stolze Worte, wenig überzeugende Zahlen.“ Commerzbank? „Glas halb voll oder halb leer?“ Deutschlands Banken in einem Jammertal ohne Ausweg?

Das Problem ist seit Jahren erkannt – auch von den Banken selbst: Ein zu hoher Kostenblock im Verbund mit dem unflexiblen Arbeitsmarkt, die strukturellen Nachteile des Drei-Säulen-Systems aus Sparkassen, Genossenschafts- und Privatbanken und eine zu riskante Politik bei der Kreditvergabe.

Graham sieht sich nur als Bote schlechter Nachrichten. Stimmungsmache will er sich nicht unterstellen lassen. Im Gegenteil: Wann immer er sich auf Präsentationen im Ausland befindet, erzählt er, nicken die Investoren dort seinen Ausführungen zu. Die Lust auf den „Standort D“ befinde sich auf einem historischen Tiefstand, und sie werde sich so bald nicht erhöhen.

Das sei etwa der Unterschied zu französischen Banken, die wieder auf dem richtigen Weg seien. Ihre Eigenkapitalrenditen, früher weniger als ein halbes Prozent, liegen heute wieder im zweistelligen Bereich. Auch wenn sie wollten, könnten das die deutschen Banken gar nicht aus eigener Kraft schaffen: „Selbst wenn sie hausinterne Probleme lösen, können sie die Renditen nur auf fünf bis sieben Prozent steigern“, sagt er. Die strukturellen Probleme bleiben. Man müsste das Übel an so vielen Stellen gleichzeitig anpacken. Graham glaubt auch, dass die föderale Struktur Deutschlands Reformen behindert. „Wenn die Landesbanken abwandern, geht es doch gleich um Prestige-Fragen gegenüber anderen Bundesländern.“ Deshalb werde jeder Landesvater auch bei Renditen von 0,5% sagen: ’Das reicht doch’, und den Standort erhalten wollen.

Eine Änderung kostet Zeit. Doch die hat Deutschland nicht mehr. Die Wettbewerber verbessern sich, die deutschen Banken bleiben bestenfalls stehen. Den Instituten bleiben laut Graham nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie werden übernommen. Zwar mieden derzeit mögliche Bieter Deutschland, wegen den hohen Risiken, die noch in den Bilanzen schlummern. Doch in ein paar Jahren, so deutet er an, könne es für eine Commerzbank oder selbst die Hypo-Vereinsbank nur darum gehen, sich so teuer wie möglich zu verkaufen. Die zweite Möglichkeit traut Graham nur der Deutschen Bank zu: Die Gewinne zu internationalisieren, also das meiste Geschäft im Ausland zu machen. Schon im Jahr 2001 kamen nicht einmal 40 Prozent der Einnahmen der Deutschen Bank aus dem Inland: „In ein paar Jahren kommt nur noch so viel aus Deutschland“, sagt Graham und deutet mit Daumen und Zeigefinger die Breite eines Fingerhutes an.

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