Aufstieg und Fall der PKV
„Die Kosten für Gesundheit werden weiter steigen“

Sinkende Erträge und politischer Druck: Die Zeiten für private Krankenversicherer werden härter. Reinhold Schulte, Chef des PKV-Verbandes, spricht über die Finanzierung von Gesundheit und falsche Anreize der Politik.
  • 12

Im Krankenkassenlager und auch in der Politik beschwören viele Stimmen das baldige Ende der privaten Krankenversicherung. Haben Sie Ihre Vertriebler schon darauf eingestimmt, dass sie bald keine Krankenversicherungen mehr verkaufen müssen?

Nein, natürlich nicht. Ich habe da persönlich auch überhaupt keine Sorgen. Die private Krankenversicherung wird es noch in vielen Jahrzehnten geben.

Ja, weil Sie Ihre Altkunden weiter behalten dürfen. Aber dürfen Sie auch noch neue Kunden aufnehmen?

Ich glaube, dass auch die Parteien, die statt der GKV und PKV eine Bürgerversicherung für alle proklamieren, damit nicht weit kommen werden. Wenn man von der Neiddebatte wegkommt und eine Politik mit Weitblick betreiben will, wird man schnell feststellen, dass die Gesundheitsleistungen nur mit Privatversicherten finanzierbar sind. Unsere Gesundheitswirtschaft wird ohne PKV nicht bezahlt werden können.

Warum?

Keiner hat sich bisher Gedanken darüber gemacht, welche volkswirtschaftlichen Auswirkungen es eigentlich hätte, wenn es keine PKV mehr gibt. Die Ärzte werden doch gar nicht mehr ihre Praxen aufrechterhalten können. Oder die Zahnärzte, die Apotheken, die Krankenhäuser. Die sind doch alle angewiesen auf die Mehrzahlungen der Privatpatienten. Das wird immer völlig vergessen. Bei den Ärzten bringen zehn Prozent Privatpatienten rund dreißig Prozent der Einnahmen.

Wollen die Kunden denn noch in die PKV wechseln?

Wenn man sich die vergangenen Jahre anschaut, dann haben wir immer gewonnen. Auch im Jahr 2011 haben wir Marktanteile hinzugewonnen. Natürlich wechseln auch Privatversicherte in die gesetzliche Krankenversicherung - oft aber nur, weil sie dies müssen, also weil sie versicherungspflichtig werden. Mehr Leute gehen den umgekehrten Weg. Und die kommen freiwillig zu uns, nicht aus Zwang. 96 Prozent unserer Kunden sind zufrieden, ergeben Meinungsumfragen. Das kann man in der Diskussion doch nicht einfach ignorieren.

Aber es gab doch zuletzt enorme Preissteigerungen, bei einigen Tarifen ist von bis zu 50 Prozent die Rede.

Die, die so etwas behaupten, sollten sich mal hinsetzen und das genau nachrechnen. Die Beitragssteigerungen in der privaten Krankenversicherung waren in den letzten Jahren nur unwesentlich höher als in der gesetzlichen Krankenversicherung - im Schnitt lagen sie bei 3,3 Prozent bei den privaten und bei 3,1 bei den gesetzlichen Anbietern. Und dabei ist noch nicht berücksichtigt, dass wir jährlich Beitragsrückerstattungen zahlen, zum Beispiel 2010 rund 1,3 Milliarden Euro.

Also schneiden Sie doch nicht viel schlechter ab, wie oft behauptet?

Nein. Außerdem muss man berücksichtigen, dass in der GKV Leistungen weggefallen sind. Da bekommen Sie keine Brille mehr gezahlt. Oder wenn sie mal die Eigenbeteiligung beim Zahnersatz sehen, oder die Praxisgebühr, oder die Eigenbeteiligung bei Medikamenten - das sind alles Eingriffe gewesen, da spricht heute keiner mehr von. Bei uns weiß man: Was der Kunde einmal zugesagt bekommt, das bleibt ein Leben lang. Wir können nicht an die Tarife gehen und die Leistungen ändern.

Kommentare zu " Aufstieg und Fall der PKV: „Die Kosten für Gesundheit werden weiter steigen“"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Ein sehr gelungener und endlich auch mal sachlich geschriebener Artikel. Wieso sollte man die PKV abschaffen, wenn uns die gesamte Welt um unser funktionierendes, duales Gesundheitssystem beneidet? Die BÜRGER-ZWANGSVERSICHERUNG löst keines der aktuellen Probleme im Gesundheitswesen! Desweiteren würde es gar keinen Wettbewerb mehr geben, die medizinische Versorgung wird deswegen schlechter und insgesamt für alle teurer. Nur durch das Nebeneinander von GKV und PKV gibt es einen echten Preis- und Qualitätswettbewerb. In einem Einheitssystem ließen sich auch die Leistungen leichter "auf dem Rücken" der Versicherten reduzieren.

  • Wenn 96% aller PKV-Versicherten so zufrieden sind, warum behält man die Versicherten dann zwangsweise in der PKV und ermöglicht keinen Wechsel in die GKV ? Das ist doch risikofrei, wenn angeblich alle zufrieden sind...!!!

  • Das System PKV kann nicht mehr funktionieren. Der Staat schaut zu, unterstüzt dieses System noch, und der Versicherte muss in dem System bleiben obwohl ihm bewusst ist, dass es einen finanziell überfordert.
    **Zentraler Bestandteil eines privaten Krankenversicherungsvertrages ist die Bildung von Altersrückstellungen. Damit werden die höheren Kosten im Rentenalter bereits bei Vertragsschluss kalkulatorisch erfasst. Doch der Gesetzgeber verlangt von den PKV-Unternehmen noch mehr:

    •Die Zinserträge aus den Alterungsrückstellungen stehen überwiegend als Beitragsentlastung im Alter zur Verfügung.
    •Seit 1.1.2000 wird von Neuversicherten ein 10-prozentiger Zuschlag auf den Beitrag erhoben, der zusätzlich den Alterungsrückstellungen zugeführt wird.


    Der 10-Prozent-Zuschlag wird ohne Abzug von Kosten zwischen dem 21. und 60. Lebensjahr des Versicherten verzinslich angelegt. Diese Mittel stehen ab dem 65. Lebensjahr zur Verfügung und dienen dazu, Beitragserhöhungen zu vermeiden.***

    Nur wie lassen sich bei den geringen Marktzinsen Überschüsse erwirtschaften. Das System ist ganz schwammig und nicht Zukunftssicher.
    Wo gibt es das noch, dass man in einem System gefangen ist von dem man selbst nicht überzeugt ist. Man braucht dringend einen Wettbewerb von GKV und PKV mit Wahlmöglichkeiten des Versicherten, und dringende Offenlegung aller Gebührenordnungen der Ärzte für alle Versicherten.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%