Banken und Staatsanleihen: „Es gibt keine risikofreien Aktiva“

Banken und Staatsanleihen
„Es gibt keine risikofreien Aktiva“

Bislang können Banken Staatsanleihen als risikolos einstufen. Danièle Nouy, oberste Bankenaufseherin des Euroraums, will das ändern. Im Dezember entfielen 2,4 Billionen Euro der Banken-Aktiva auf Staatsanleihen.
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Frankfurt„In der Krise hat sich gezeigt, dass es keine risikofreien Aktiva gibt“, sagte Danièle Nouy, die oberste Bankenaufseherin des Euroraums, am 28. Januar im Gespräch mit Bloomberg News in Frankfurt.

„Es sollte also eine Risikogewichtung geben, und es sollten entsprechende Kapitalanforderungen gestellt werden. Das wird kommen.“

Nach den Bestimmungen der Europäischen Union können alle Anleihen, die von einem der 28 Mitgliedsstaaten der EU emittiert wurden, von Banken als risikolos eingestuft werden. Damit entsteht ein Anreiz für sogenannte Carry Trades, bei denen Banken sich zu günstigen Konditionen Geld von der Europäischen Zentralbank leihen und es in Staatsanleihen stecken, die eine höhere Rendite bieten.

„Letzten Endes wird es nicht viel sein, die Kapitalanforderungen werden überschaubar sein, denn insgesamt sind diese Aktiva von guter Qualität“, sagte Nouy. „Aber was nicht ohne Risiko ist, sollte mit einer Kapitalanforderung belegt sein. Das ist ganz klar.“

EZB-Daten vom Dezember belegen, dass 2,4 Billionen Euro oder 9,3 Prozent der Banken-Aktiva auf Staatstitel der Eurozone entfielen. Die Renditebandbreite für zehnjährige Staatsanleihen in der Eurozone bewegte sich am Montag zwischen 0,30 Prozent für deutsche Bundesanleihen und 10,61 Prozent für griechische Papiere gleicher Laufzeit.

Angesichts der Bedeutung des Themas werden die Aufseher mit äußerster Vorsicht agieren, vermutet Sharon Bowles, ehemalige Vorsitzende des Wirtschafts- und Währungsausschusses im Europäischen Parlament. Es sei absolut richtig, dass die Eurozone hier tätig werden müsse.

Bowles scheiterte 2013 beim Versuch, anlässlich der Überarbeitung der Regeln für die Kapitalvorschriften der EU das Parlament in der Angelegenheit aktiv werden zu lassen.

Die EZB ist nicht einmütig erpicht darauf, die Regeln, wie Staatsanleihen bewertet werden, zu ändern. EZB-Ratsmitglied Yves Mersch etwa sieht durchaus die Notwendigkeit, fürchtet aber die Folgen.

„Jegliche Initiativen der Aufsicht, dieses Thema anzugehen, können nur sehr allmählich eingeführt werden, um Marktturbulenzen zu vermeiden – und vermutlich nur im Zusammenhang mit anderen regulatorischen Reformen“, sagte Mersch im Vorjahr.

Innerhalb Europas gibt es, so Nouy, „gewisse Stimmen, die zur Umsicht mahnen, weil wir die Krise noch nicht hinter uns haben“; allerdings habe sie nichts gehört, was man als Widerstand bezeichnen könne, „zumindest nicht unter den Regulierern.“

Im weltweiten Kontext deutet sich ein unterschiedliches Tempo beim Reformeifer an. Der Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht hat eine Überprüfung der regulatorischen Behandlung von Risiken aus Staatsanleihen für 2015 und 2016 in sein Arbeitsprogramm aufgenommen. In der EU ist derzeit keine entsprechende Initiative in Vorbereitung.

Dahinter stehen auch Auffassungsunterschiede in der regulatorischen Behandlung staatlicher Risiken in den Bankbilanzen. Die EU-Bestimmungen gewähren den Banken mehr Spielraum, diese Risiken mit Null zu gewichten, als die Standards des Baseler Ausschusses vorsehen.

Im Dezember monierte der Ausschuss, die EU habe bei der Umsetzung des Regelwerks zur Beurteilung von Kreditrisiken einschließlich Staatsanleihen weltweite Vereinbarungen nicht eingehalten.

Agentur
Bloomberg 
Bloomberg / Nachrichtenagentur

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  • "„In der Krise hat sich gezeigt, dass es keine risikofreien Aktiva gibt“, sagte Danièle Nouy, die oberste Bankenaufseherin des Euroraums, am 28. Januar im Gespräch mit Bloomberg News in Frankfurt."

    Korrekt!
    Was die BAFin "zeitlebens" als Eigenkapitalgrundsatz ansah, war schon immer quatsch und hatte mit einer Bankenaufsicht nichts gemein. Es war vielmehr Ausdruck der Verbundenheit der "Verantwortlichen" zu ihrem Dienstherrn und Wohlwollen für die nächste Gehaltsanpassung.

    Staatsanleihen sind mit ihrem Ausfallrisiko in das Risikosystem des Unternehmens einzustellen.

    Korrekt wäre es nach dem Gedankengang von Frau Nouy, dies mit bis zu 70 % ihres Nominalwertes unter Berücksichtigung des Kaufniveaus vorzunehmen.

    Risiken stellen in der Terminologie von Frau Nouy auf den Schuldner und nicht auf den Gläubiger ab. Dies bedeutet, dass die Risiken in Banken nicht anders anzusetzen sind als im Hause der EZB. Dabei ist zu beachten, dass in der EZB Gewinne und Verluste nicht nach dem Eigenkapitalanteil sondern nach dem Haftungsanteil zu belasten sind.

    Hintergrund dazu ist die Sonderheit, dass Großbritannien zwar Eigenkapital der EZB gezeichnet hat, aber von der Haftung von den übrigen Eignern freigestellt ist. So ergibt sich für die Bundesrepublik ein weit höherer Haftungsanteil als ihr Anteil am Eigenkapital.

    Beispiel:
    Erwirbt eine Bank eine griechische Staatsanleihe mit einem Nominalvolumen von 100 Mrd. € hat sie diesen Kauf mit 70 Mrd. € Eigenkapital zu unterlegen. Teilen sich mehrere Banken eine solche Anleihe, so hat jede Bank gemäß ihrem Anteil die Staatsanleihe mit Eigenkapital zu unterlegen.

    Unter dem Gesichtspunkt, dass beispielsweise die Deutsche Bank AG ihr gesamtes sonstiges Aktivgeschäft auf eine "schwarze Null" zurückfahren würde, könnte sie sich an vorgenanntem Paket bis zu 70 Mrd. € beteiligen.

    Für die EZB bedeutet dieses Prinzip, dass sie mit der Aufnahme des Anleiheaufkaufprogramms pleite ist.

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