Bankenaufsicht
Noch lange keine Normalität nach der Finanzkrise

Zehn Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise wollen Banker und Aufseher in Frankfurt eine erste Bilanz ziehen. Doch eine hochkarätig besetzte Diskussionsrunde zeigt: Es ist noch zu früh, um das Kapital abzuhaken.
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Frankfurt/MainDieses Jubiläum ist kein Grund zum Feiern: Zehn Jahre ist es her, dass die Finanzkrise ausbrach. Im Juni 2007 gerieten drei Hedgefonds der US-Investmentbank Bear Stearns in Schieflage, die kräftig bei der Verpackung von Ramschkrediten für Immobilien mitgemischt hatten. Aus dem Schwelbrand am amerikanischen Immobilienmarkt wurde schnell ein globales Flächenfeuer, das im Juli 2007 auch die deutsche IKB erreichte. Mit den Folgen der Krise kämpfen viele Banken bis heute. In Frankfurt wollen Top-Banker und Aufseher am Montag ein Zwischenfazit ziehen. Doch die Diskussionsrunde an der Goethe-Universität, die vom privaten Bankenverband, dem Verband der Öffentlichen Banken und dem Frankfurter Center for Financial Studies ausgerichtet wurde, zeigt vor allem eines: Bei der Bewältigung der Krise mag man ein gutes Stück vorangekommen sein, abgehakt ist das Kapital aber noch lange nicht.

„Wir sind noch nicht in der Normalität“, sagte UBS-Verwaltungsratschef Axel Weber, der den Höhepunkt der Krise als Bundesbank-Chef miterlebt hatte. „Wir sind nach wie vor in der Auflösung der Krise.“ Beendet sei sie erst, wenn alle Altlasten aus den Bilanzen der Banken verschwunden seien, sagte Weber. Das hätten die jüngsten Rettungsaktionen in Spanien und Italien gezeigt, die erneut hektisch über Nacht vollzogen werden mussten, um keinen Ansturm der Sparer auf die Bankschalter auszulösen.

Die Chefin der EU-Bankenabwicklungsbehörde, Elke König, räumte ein, dass es noch Jahre dauern könne, bis alle Banken in Schieflage schonend für das Finanzsystem und den Steuerzahler abgewickelt werden könnten. „Wir müssen natürlich noch viele Hausaufgaben erledigen”, sagte König. „Abwicklungsplanung macht man ja nicht, um anschließend besonders schöne Beerdigungen zu veranstalten, sondern man macht sie, um Banken sicherer zu machen.“ Unter anderem fehle vielen Banken das Kapital, mit dem die Verluste in einer Krise aufgefangen werden könnten. Und die nationalen Insolvenzregeln müssten vereinheitlicht werden.

Doch vor der Anwendung der Regeln schreckte Italien jüngst zurück. Dort sind die beiden Veneto-Banken nicht überlebensfähig, aber der Staat springt für Kontoinhaber und erstrangige Gläubiger in die Bresche. König verteidigt das Vorgehen der EU, die eine Abwicklung nach nationalem Insolvenzrecht dulde. Schließlich seien durch die Pleite der beiden Banken aus Veneto keine Folgen für die Realwirtschaft zu befürchten gewesen. Den Finanzforscher Jan Pieter Krahnen erinnert das Hadern mit der Gläubigerbeteiligung an einen Ausspruch des Satirikers Karl Valentin: „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen habe ich mich nicht getraut“.

Auch Herbert Hans Grüntker, Vorstandschef der Helaba, ruft dazu auf, sich an die neuen Regeln zu halten: „Wenn es eng wird, muss man den Mut haben, solche Maßnahmen auch umzusetzen“. Von den Aufsehern wünscht er sich – wie viele seiner Branchenkollegen – vor allem eines: Mehr Planungssicherheit.

Danach sieht es derzeit aber nicht aus. Denn um die Regulierung der Finanzbranche wird derzeit kräftig gestritten. Durch den Brexit droht die EU, den Zugriff auf ihren bislang größten Finanzplatz London zu verlieren. Aufseher befürchten, dass die Regeln für Banken dort in Zukunft aufgeweicht werden könnten. Und auch in den USA hat sich der Wind gedreht, Präsident Donald Trump will die Regel für die Wall Street lockern. Bankenwächterin König betrachtet das mit Sorge: Angesichts der Meldungen aus den USA könne man „nur hoffen, dass das, was dort gekocht wird, nicht so heiß gegessen wird“. Auch Bankenverbands-Hauptgeschäftsführer Michael Kemmer warnt: „Renationalisierung von Regulierung, Renationalisierung von Aufsicht kann nicht die Antwort sein.“ Ob die Staatschefs der 20 mächtigsten Industrienationen das genauso sehen, dürfte sich auf dem G20-Gipfel zeigen.

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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