Banker wechseln in die Realwirtschaft
„Kinder spüren Ablehnung, wenn Papa Banker ist“

Das Banker-Dasein ist durch die Finanzkrise unattraktiver geworden. Immer mehr wechseln die Seite: Investmentbanker werden zu Klinik- oder Immobilienmanagern – und geben dann gegenüber den Banken den Ton an.
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FrankfurtDieses Telefonat wird Philip Grosse nie vergessen. Im Dezember 2012 spricht der Investmentbanker mit Michael Zahn, dem Chef des Immobilienkonzerns Deutsche Wohnen. Dieses Mal will der Spitzenmanager aber keine Ratschläge für die nächste Übernahme oder eine Finanzierung, sondern er überrascht Grosse mit einem ungewöhnlichen Angebot: Der Banker soll seinem Arbeitgeber Credit Suisse den Rücken kehren und künftig das Kapitalmarktgeschäft von Deutsche Wohnen leiten.

Grosse ist zwar seit 15 Jahren Banker, aber durchaus offen für einen Seitenwechsel. Deshalb trifft er sich zwei Wochen später mit Zahn und dessen Finanzchef zum Mittagessen. „Dann haben wir Nägel mit Köpfen gemacht“, erzählt Grosse. Von dem Telefonat bis zum Vertragsabschluss vergehen keine zwei Monate. Grosse hat Deutsche Wohnen viele Jahre als Banker beraten, den Immobiliensektor kennt er gut. „Es ist eine spannende Branche, in der ich dem Konzern mit meiner Expertise bei Finanzierungen und Übernahmen weiterhelfen kann.“

Hinzu kommt, dass ihm die Arbeit als Investmentbanker seit der Finanzkrise nicht mehr so viel Spaß macht. „Die Teams sind kleiner geworden, die regulatorischen Anforderungen höher und man muss viel Kraft für interne Prozesse aufbringen“, sagt Grosse. „Es ist viel Unternehmertum und Flexibilität auf der Strecke geblieben.“ Bei der Schweizer Großbank Credit Suisse, wo Grosse zu der Zeit das Aktienmarktgeschäft in Deutschland und Österreich leitet, sind sie geschockt, als er seinen Abschied ankündigt. „Viele Kollegen aus dem Banking konnten die Entscheidung jedoch nachvollziehen und haben mich beglückwünscht.“

Grosse ist mittlerweile kein Einzelfall mehr. In Deutschland zieht es immer mehr Banker in die Realwirtschaft, wo der Arbeitsplatz meist sicherer und die Beinfreiheit größer ist. Ex-Banker allen Alters finden sich heute im Mittelstand und im Vorstand von Dax-Konzernen, bei Krankenhausketten und Autozulieferern. Und selbst von den Gewerkschaften wird keine Kritik laut. Aus Sicht von Managern und Experten ist der zunehmende Wechsel von Bankern zur Industrie auch ein Zeichen dafür, wie sich das Kräfteverhältnis zwischen Geldhäusern und Unternehmen seit der Finanzkrise verschoben hat.

„Grundsätzlich ist die Bereitschaft im Banking heute größer, in die Realwirtschaft zu wechseln“, sagt Goldman-Sachs-Banker und langjähriger Eon-Finanzchef Marcus Schenck. „Das liegt sicher auch daran, dass es bei den Banken heute insgesamt deutlich weniger attraktive Stellen gibt als vor der Finanzkrise.“ Die Bezahlung spiele dabei eine wichtige Rolle, betont Partner Jörg Kasten von der Personalberatung Boyden. Noch vor Jahren war es für ihn fast unmöglich, einen Investmentbanker in die Industrie zu vermitteln - der Gehaltsunterschied war zu groß. In den Boom-Jahren vor der Finanzkrise verdienten Top-Banker dank hoher Boni gerne mal zweistellige Millionensummen und damit deutlich mehr als die meisten Vorstände in Dax-Konzernen.

„Investmentbanker hatten goldene Handschellen um. Das ist heute anders: Die Boni wachsen nicht mehr in den Himmel“, sagt Kasten. Zudem zahlen viele Geldhäuser ihrem Spitzenpersonal große Teile der Prämien nicht mehr auf einen Schlag aus, sondern gestreckt über viele Jahre. „Der Sprung aus dem Banking ist für viele deshalb leichter als früher“, berichtet der Personalberater, der seit über 20 Jahren Führungskräfte vermittelt.

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