Banker wechseln in die Realwirtschaft
„Kinder spüren Ablehnung, wenn Papa Banker ist“

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Konzerne durchleuchten Banken

Ein weiterer Grund für die steigende Zahl an Seitenwechseln ist das neue Kräfteverhältnis zwischen Banken und Unternehmen - spätestens seit der Finanzkrise. In den 1980er und 1990er Jahren haben die Vorstandssprecher der Deutschen Bank zum Beispiel noch ein Wörtchen mitgeredet, wer Chef von Daimler wird. Wenn Konzerne eine Finanzierung benötigen, fahren ihre Vorstände ehrfürchtig nach Frankfurt und treten bei den Banken als Bittsteller auf.

Heute geben dagegen meist die Unternehmen den Ton an. Konzerne wie Daimler oder Siemens lassen die Institute einmal im Jahr zu Bankentagen antanzen. Die Unternehmen erklären dort, welche Finanzierungen anstehen und was ihre Ziele sind. Anschließend müssen die Geldhäuser liefern. „Heute suchen sich die Unternehmen die Banken aus, nicht mehr andersherum“, sagt der Manager eines großen deutschen Instituts.

Viele Konzerne lassen dabei nach den Erfahrungen in der Finanzkrise mehr Vorsicht walten. Manche Unternehmen haben sogar Notfallpläne, wie sie ein Jahr ohne externe Liquidität auskommen könnten, falls Banken in einer erneuten Krise den Geldhahn zudrehen oder Pleite gehen. Außerdem haben zahlreiche Firmen interne Bewertungssysteme aufgebaut, in denen sie Banken nach Kriterien wie Bonität oder Konstanz im Management einordnen. „Die Unternehmen wollen immer wissen, wo sie in dem Ranking stehen“, erzählt Daimler-Finanzchef Bodo Uebber.

„Wenn Unternehmen Geschäfte mit Banken machen, haben sie deren Ratings und zunehmend auch ihre CDS-Spreads im Blick“, sagt Fresenius-Finanzchef Sturm. CDS-Spreads zeigen an, wie hoch der Kapitalmarkt das Risiko einschätzt, dass eine Bank in Schieflage gerät. Aus Sicht von Sturm gehen viele Konzerne bei der Auswahl und Prüfung ihrer Banken heute stringenter vor als noch vor der Finanzkrise. Sturm verzichtet dabei im Gegensatz zur Konkurrenz aber auf Bankentage - er hält zu seinen Ex-Kollegen lieber direkt Kontakt. „Ich kenne in Frankfurt bei fast jeder Bank jemanden, mit dem ich irgendwann in meiner Karriere einmal zusammengearbeitet habe.“

Bei Fresenius sind sie froh, dass sie jemanden wie Sturm in ihren Reihen haben. „Als ein Unternehmen, das stark am Kapitalmarkt aktiv ist und immer wieder große Übernahmen stemmt, ist ein Investmentbanker Gold wert“, sagt ein einflussreicher Fresenius-Mann. „Sturm weiß, wie man die Banken anspricht und stellt sicher, dass sie einen nicht über den Tisch ziehen.“

Sturm und Grosse können sich nicht vorstellen, noch einmal in die Finanzbrache zurückzukehren. Den meisten Ex-Bankern geht es ähnlich. „Im Bankgeschäft ist heute alles stark reguliert, die Aufseher sitzen quasi auf ihrem Schoß“, sagt einer von ihnen. „Ich bin heilfroh, dass ich jetzt in einer anderen Branche bin, in der ich viel mehr Freiheitsgrade habe.“

Völlig ausgeschlossen ist der Weg zurück ins Banking allerdings nicht, wie Marcus Schenck bewiesen hat. Der Investmentbanker wechselt Ende 2006 von Goldman Sachs zu Eon, wo er als Finanzchef das internationale Geschäft und den Umbau des Energiekonzerns vorantreibt. „Die Anforderungen an Banker und Vorstände sind oft ähnlich“, findet Schenck. „Sie müssen gut mit Zahlen umgehen können, sich schnell in Themen einarbeiten und dann Entscheidungen treffen.“

Nach gut sechs Jahren bei Eon sehnt sich Schenck jedoch nach etwas mehr Abwechslung. „Ich habe mich Ende 2012 gefragt, ob ich nun bis zum Ende meiner Karriere Finanzchef bei Eon bleiben will. Anfang 2013 habe ich dann entschieden, noch mal etwas Neues zu machen.“ Als Goldman Sachs ihm einen Job anbietet, muss der Ex-Banker nicht lange überlegen. Er habe einfach wieder Lust gehabt auf ständig wechselnde Situationen und den Kontakt mit interessanten Leuten rund um den Globus, sagt Schenck. „Diese Abwechslung macht mir Spaß.“

Agentur
Reuters 
Thomson Reuters Deutschland GmbH / Nachrichtenagentur

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