Barclays-Entschuldigung

„Wir haben Kunden und Aktionäre enttäuscht“

Die britische Großbank gibt sich im Libor-Skandal reumütig. Für die Aktionäre hat der noch amtierende Verwaltungsratschef Agius aber positive Nachrichten: Der Quartalsgewinn steigt auf knapp 1,8 Milliarden Pfund.
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Bauarbeiten bei Barclays: Die Großbank legt solide Zahlen in der Libor-Krise vor. Quelle: Reuters

Bauarbeiten bei Barclays: Die Großbank legt solide Zahlen in der Libor-Krise vor.

(Foto: Reuters)

LondonDie vom Skandal um den manipulierten Referenzzins Libor gebeutelte britische Großbank Barclays ist zumindest im laufenden Geschäft weiter auf Kurs. Im zweiten Quartal stieg der um Sondereffekte bereinigte Gewinn dank deutlich reduzierter Kosten im Vergleich zum Vorjahr leicht auf knapp 1,8 Milliarden Pfund (rund 2,3 Milliarden Euro).

Das ist mehr als von Experten erwartet. Zudem lief das Geschäft im Juli besser als im Vorjahr, wie die Bank am Freitag in London mitteilte. Im ersten Halbjahr steigerte die Bank ihren Vorsteuergewinn auf vergleichbarer Basis um 13 Prozent auf 4,2 Milliarden Pfund. Von Reuters befragte Analysten hatten im Schnitt lediglich 3,8 Milliarden Pfund erwartet.

Wegen der weiter hohen Unsicherheit an den Finanzmärkten und der sich abschwächenden Konjunktur sei aber Vorsicht geboten. „Es bleiben weiter herausfordernde Zeiten für Barclays und die gesamte Industrie“, sagte der derzeit noch amtierende Verwaltungsratschef Marcus Agius, der kommissarisch die Geschäfte bei der Großbank führt.

Die Zahlen werden aber vom Libor-Skandal überschattet. Agius entschuldigte sich für die Vorfälle der vergangenen Wochen. „Wir entschuldigen uns für die Probleme, die in den vergangenen Wochen aufgetreten sind“, erklärte Verwaltungsratschef Marcus Agius. „Wir sind uns bewusst, dass wir unsere Kunden und Aktionäre enttäuscht haben.“

Banken an die Leine!

Die Affäre um den möglicherweise manipulierten Libor-Satz war Ende Juni ins Rollen gekommen. Barclays hatte als erstes Geldhaus Manipulationen des Zinssatzes Libor eingeräumt und bekam eine Geldstrafe von fast einer halben Milliarde Dollar von der britischen und der US-amerikanischen Finanzaufsicht sowie vom US-Justizministerium aufgebrummt.

Mitarbeiter hatten versucht, den Liborsatz zu beeinflussen - den Zinssatz, zu dem sich Banken untereinander Geld leihen. Anfang Juli musste dann der Vorstandschef Bob Diamond wegen des Libor-Skandals seinen Hut nehmen. Verwaltungsratschef Marcus Agius hat ebenfalls seinen Rückzug angekündigt, bleibt aber vorerst noch an Bord, bis ein Nachfolger gefunden ist.

Die wichtigsten Antworten zur Libor-Affäre
Euro-Logo vor der Europäischen Zentralbank (EZB)
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1. Worum geht es beim Libor- und Euribor-Zinssatz - und wie wird er errechnet?

Der Libor ist ein täglich vom britischen Bankenverband BBA errechneter Zins, an dem sich Geldhäuser rund um den Globus orientieren. Seit 1986 befragt der BBA in London ansässige Banken, zu welchem Zins sie sich untereinander Geld leihen würden. Aus den Zahlen werden die höchsten und tiefsten Werte gestrichen, um Manipulationen zu vermeiden. Aus den übrigen Zahlen wird dann ein Mittelwert gebildet. Der daraus resultierende Satz für Laufzeiten von bis zu einem Jahr und für die gängigsten Währungen ist der wichtigste Indikator für die Liquiditätslage am Interbankenmarkt. Damit war der Libor eines der Krisenbarometer während der Finanzkrise: je höher der Satz, desto größer das Misstrauen des Marktes gegenüber einer Bank.

huGO-BildID: 26559607 A teller displays 100 US dollar notes at a moneychanger in Jakarta on May 30 , 2012. The Indonesian central bank will set an a
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Der Libor dient aber auch als Referenz für Finanzprodukte - von der komplexen Übernahmefinanzierung bis zur einfachen Hypothek. Am Libor hängen Finanzprodukte im geschätzten Wert von 350 bis 550 Billionen Dollar. Während der Libor für Dollar-Geschäfte besonders wichtig ist, ist es der Euribor (Euro InterBank Offered Rate) für den Euro. Er wurde 1999 mit Einführung des Euros ins Leben gerufen. 43 Banken melden dabei ihre Zinssätze nach Brüssel, wo der Kurs ähnlich wie beim Libor berechnet wird.

A police officer stands on duty as protestors from the Move Your Money group stick up posters on a branch of Barclays Bank in Westminster central London
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2. Welches Interesse hatten Banken und Regierungen, den Wert zu manipulieren?

Zwei Vorwürfe stehen im Raum: Zum einen sollen sich die Händler einer Reihe von Banken von 2005 bis 2007 durch die Manipulation des Euribor bereichert haben. Ihnen wird vorgeworfen, eine Art Kartell gebildet zu haben, um die Sätze in eine Richtung zu lenken, die den Wert ihrer eigenen Derivatepositionen steigerte. Eines der Kartelle soll von der britischen Großbank Barclays (Bild: Protest vor einer Londoner Filiale) organisiert worden sein, ein anderes von der Schweizer UBS. „Heute bräuchten wir einen ziemlich niedrigen Satz bei den Dreimonats-Laufzeiten, sonst kostet uns das ein Vermögen“, heißt es in der E-Mail eines beschuldigten Barclays-Händlers. In diese Manipulationen ist auch die Deutsche Bank verwickelt.

File photo of the national flag of Switzerland national flag flying in front of the logo of Swiss bank UBS at the company's headquarters in Zurich
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Zum anderen sollen einige der damals am Libor-Fixing beteiligten Banken in den Krisenjahren 2007 und 2008 systematisch zu niedrige Zinsen gemeldet haben, um die verunsicherten Märkte zu beruhigen und Zweifel an der Solidität der Banken zu zerstreuen. Hier mischten Barclays-Chef Bob Diamond und der Chefinvestmentbanker Jerry del Missier mit. Eine Gesprächsnotiz scheint anzudeuten, dass auch die Bank of England die Vorgänge geduldet haben könnte.

Euro-Münze und Schweizer Franken
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3. Welche Folgen haben die Manipulationen für Sparer und Kreditnehmer?

Der Interbankenzins Libor gilt als wichtige Referenz für viele Finanzprodukte. Der Zinssatz variabler Kredite ist meist an den Geldmarktsatz gekoppelt. Variable Kreditzinsen sind vor allem bei Firmenkrediten üblich. „In Ländern wie Großbritannien, Spanien oder Österreich sind aber auch die Zinsen für Baukredite häufig an einen Geldmarktsatz gekoppelt“, sagt Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. Die Preise für Derivate, mit denen man sich gegen Zinsänderungs- oder Währungsrisiken absichert, sind ebenfalls oft an den Libor gebunden.

Moody's rating agency downgrades 15 international banks
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„Für Euro-Verträge ist der Euribor der wichtigere Geldmarktsatz. Aber für Währungen wie den Dollar oder den Schweizer Franken ist der Libor sehr bedeutsam“, sagt Meissner. Das heißt, dass Unternehmen aus dem Euro-Raum meistens mit dem Libor zu tun haben, wenn sie sich in Fremdwährungen verschulden oder Zinsrisiken in fremden Währungen absichern. Es gibt Gewinner und Verlierer der Manipulationen: „Wenn der Libor zu niedrig angesetzt wurde, dann ist das ein Vorteil für Kreditnehmer, deren Darlehen an den Geldmarktsatz gekoppelt sind“, sagt Falko Fecht, Professor für Financial Economics an der Frankfurt School of Finance. Dafür erhalten Einleger geringere Sätze, denn die Konditionen für Tagesgeld orientieren sich oft an Geldmarktsätzen. (Bild: Finanzviertel in London)

huGO-BildID: 26953124 (FILES) A file picture taken on August 3, 2009, shows a Barclays Bank branch in central London. Barclays bank is to pay $452 mi
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4. Warum wird der Zinssatz von Privatbanken bestimmt und nicht von Notenbanken?

Der Libor ist nicht als offizieller Referenzsatz entstanden: Er geht auf eine Initiative der privaten Kreditwirtschaft zurück. Erst im Laufe der Zeit, als immer mehr Kredit- und Derivateverträge auf den Wert Bezug nahmen, erreichte er seine heutige Bedeutung. Der Libor und sein Euro-Pendant Euribor sollen zeigen, zu welchem Preis sich Banken Geld leihen. Das wissen aber nur die Banken selbst. „Die meisten Geldmarktgeschäfte werden quasi per Handschlag vereinbart“, erläutert Thomas Meissner, Zinsanalyst der DZ Bank. „Es gibt bislang keine zentrale Clearing-Stelle, die diese Transaktionen erfassen könnte.“

  • dpa
  • rtr
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6 Kommentare zu "Barclays-Entschuldigung: „Wir haben unsere Kunden und Aktionäre enttäuscht“"

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  • Na, mal wieder beim banker bashing? Und welche horrenden Summen haben die Kommentatoren persönlich verloren? Sicher nichts. Aber sicher ist auch, dass sich eure Politiker bei euch nicht entschuldigen werden wenn Sie euch dereinst für das selbstverschuldete Eurodesaster zur Kasse bitten werden.

    Ich war Aktionär bei barc. Eingestiegen bei ca. 50 GBp verkauft bei über 2 GBP. 100K GBP Gewinn. Damit bin ich parteiisch. Für mich eine grossartige und breit diversifizierte Bank zeigt sich auch am first-half profit.

  • Eine Entschuldigung ohne jeden Wert...denn ändern tut sich an dem ganzen Bankensystem ja wohl nichts. Traurigerweise mit vollster Unterstützung durch die Politik.Es ist als wirklich nicht mehr zu ertragen.

  • Wie niedlich, Boni kassiert und verstaut, da kann man ja auch mal was bedauern, ist ja eh nur eine ganz normale Schweinerei wie sie unter Bankstern ueblich ist, fast schon ein Kavaliersdelikt.

  • Frag sich nur, wieviel von den 1,8 Mrd. des Quartalsgewinns auf den Zinsskandal und somit auf die Manipulation zurückzuführen sind.

  • GIER frisst HIRN! - Wenn es nicht (jetzt) an das Tageslicht gekommen wäre, hätte man munter weitergespielt!! Ganz egal, wie dreckig es dem Rest der Welt auch gehen mag. Überzogene Dekadenz! Reif für die Peitschenhiebe des Volkes!

  • Ich bin zwar weder Kunde noch Aktionär, aber ich würde sagen 'Steckt euch eure Entschuldigung sonstwo hin!'.

    So einfach kann man es sich ja auch nicht machen. "Ohhh - ich hab was Böses getan. *zwinker* Entschuuuuuuldigung!"

    Warum kann Fehlverhalten nicht einfach bestraft werden? Wer immer mit einen faden Entschuldigung davonkommt, der lernt nie, dass er es besser machen muss.

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