Bedrohte Führungsrolle Paranoia in der Londoner City

Eine Initiative der Europäischen Kommission zur Regulierung von Hedge-Fonds lässt in der Londoner City die Wellen hochschlagen. Die Finanzszene wittert eine Verschwörung der EU-Partner gegen ihre Führungsrolle – und der Ausgangspunkt sind angeblich die Deutschen.
London im Nebel: Die Geldbranche fürchtet um die führende Position des Finanzplatzes. Quelle: Reuters

London im Nebel: Die Geldbranche fürchtet um die führende Position des Finanzplatzes.

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LONDON. Paul Marshall ist schon äußerlich kein Mann der City. Statt Nadelstreifen, Krawatte und Seitenscheitel trägt er einen offenen Hemdkragen unter dem Sakko und strubbelig abstehendes Haar. Damit fällt er im Konferenzzimmer der noblen Vermögensverwaltung Fleming Family & Partners auf. Das hübsche Stadthaus in einer ruhigen Sackgasse in der Nähe des hektischen Trafalgar Square ist sonst Schauplatz diskreter Finanzberatung, doch heute geht es – für britische Verhältnisse – hoch her.

Der 49-jährige Marshall hat als Mitgründer des führenden Londoner Hedge-Fonds Marshall Wace ein dreistelliges Millionenvermögen verdient, aber nun sieht er sein Lebenswerk in Gefahr. Schuld ist die Europäische Kommission und ihr Entwurf einer Direktive zur Regulierung sogenannter Alternativer Investmentfonds. Sie sieht erstmals eine echte Regulierung der Hedge-Fonds vor, die bisher unbehelligt ihre Abermilliarden anlegen durften.

Den Private-Equity-Fonds geht es genauso, und darum sitzt Simon Walker, der Chef ihres britischen Branchenverbandes BVCA, mit in der Runde. Moralische Rückendeckung bietet Bob Wigley, bis vor kurzem noch Europa-Chef von Merrill Lynch und einer der Wortführer der traditionellen City – mit dunklem Anzug, Krawatte, strengem Seitenscheitel und vor Ärger zusammengekniffenen Lippen.

Das Signal ist deutlich: Die alte und die neue City, die traditionellen Banker und die neureichen Private-Equity- und Hedge-Fonds, sitzen in einem Boot. Und sie rudern plötzlich gegen den Strom. Denn die Direktive ist nur ein Element der neuen Regulierungswelle, die auf die Finanzszene zurollt.

Die vom Volkszorn über die Banker beeindruckten britischen Politiker halten nicht mehr automatisch die schützende Hand über die City, wenn hinderliche Regeln aus Brüssel drohen. Mit einer Mischung aus Abscheu und Schrecken erkennen die Herren des Universums, dass sie im Jahr eins nach der Lehman-Pleite ihre Interessen selber vertreten müssen.

Und da fehlt ihnen spürbar die Übung. Statt die eingeladenen Vertreter kontinentaleuropäischer Botschaften und Medien mit einer Charme-Offensive zu umgarnen, konfrontieren sie sie mit einer Verschwörungstheorie. „Diese Direktive ist mit französischen Fingerabdrücken nur so übersät“, zürnt Marshall. Was falle den Kontinentaleuropäern überhaupt ein, solche Regeln fast ohne britische Beteiligung zu formulieren. „Das ist, als ob wir Briten eine Direktive über Weinbau schrieben.“

Nicht die Franzosen allein hätten sich die heimtückische Attacke auf die City ausgedacht, korrigiert Wigley, der für den Londoner Bürgermeister Boris Johnson vor kurzem einen Bericht über die Wettbewerbsfähigkeit der Finanzmetropole geschrieben hat. „Das hier ist eine koordinierte Attacke auf London aus den anderen europäischen Finanzzentren“, zischt er. Der Ausgangspunkt seien die Deutschen. Sie wollten Rache nehmen für die von Hedge-Fonds vereitelte Übernahme der Londoner Börse durch die Deutsche Börse. „Die Krise liefert den Deutschen und den Franzosen die Chance, den Vorteil Londons zu beseitigen“, resümiert er.

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