Betriebsrenten
Ergo köderte Personalchefs mit Barzahlungen

Neuer Vorwurf gegen die Ergo Versicherung: Barzahlungen von 100 Euro pro Vertrag sollen Personalchefs dazu bewegt haben, Betriebsrenten bei der Ergo abzuschließen. Es ist nicht die erste Unstimmigkeit.
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DüsseldorfVertreter der Ergo-Versicherung haben nach Informationen des Handelsblattes mit Barzahlungen an Personalchefs das Geschäft mit Betriebsrenten angekurbelt. Nach Angaben eines Augenzeugen wurden auf diese Weise allein beim Hannoveraner Bauunternehmen Papenburg AG von einem Personalchef 100 Verträge vermittelt. Der Personalchef habe 100 Euro pro Vertrag bekommen. „Bezahlt wurde in bar“, sagte ein Ergo-Mitarbeiter, der diese Praxis miterlebte, dem Handelsblatt. „Manchmal kam der Mann von Papenburg auch zu uns in die Ergo-Geschäftstelle und holte sich das Geld ab.“

Ergo teilte auf Anfrage mit, dass man sich zu Geschäftsbeziehungen mit Kunden grundsätzlich nicht äußere. Der Konzern führt zum Thema Betriebsrenten gerade eine Untersuchung durch. Der Prüfauftrag schließt auch den Vorwurf der Bestechung ein. Sie soll im Oktober abgeschlossen sein.

Sowohl interne wie externe Mitarbeiter von Ergo berichten, dass die Zahlungen für Personalschefs keine Seltenheit waren. „Uns wurde auf Schulungen gesagt, wir sollten die Entscheider in den Firmen erst mal als Mitarbeiter einstellen, dann laufe das Geschäft wie geschmiert“, sagt ein Vertreter. Teils sei der Nebenverdienst sogar von der anderen Seite nachgefragt worden. „Man spricht ganz unverblümt“, erklärt ein Ergo-Spezialist für Betriebsrenten. „Der Personalchef sitzt Ihnen gegenüber und sagt: Ich habe hier drei Angebote. Was habe ich davon, wenn ich das von Ergo nehme?“

Ergo-Sprecherin Alexandra Klemme wollte sich mit Hinweis auf die laufende Untersuchung nicht zu solchen Details äußern. Außerdem habe Ergo gerade die Finanzaufsicht Bafin im Haus. „Der Themenbereich der betrieblichen Altersversorgung ist sehr komplex“, sagte Klemme. „Daher kann eine punktuelle Frage und Antwort immer nur ein Ausschnitt eines komplexen Vorganges sein.“

Strafrechtler sehen in den geschilderten Praktiken klare Verstöße. „Ein solches Vorgehen erfüllt den Straftatbestand der Bestechung im geschäftlichen Verkehr“, sagt Jürgen Lubojanski, Strafrechtsspezialist der Kanzlei Dr. Bader & Partner. „Und auch der betreffende Personalchef begibt sich in das Lager der Betrüger, wenn er von Verträgen profitiert, die seine Mitarbeiter schlechter stellen als vorgesehen.“

Sönke Iwersen
Sönke Iwersen
Handelsblatt / Leiter Investigative Recherche

Kommentare zu " Betriebsrenten: Ergo köderte Personalchefs mit Barzahlungen"

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  • Dieses Problem sollte man sich genau anschauen.
    Ich vermute, dass es hierbei wieder um einen Skandal gegen die HMI handelt. Natürlich handelt es sich hierbei um die HMI, wenn hier zitiert wird, dass Personaler eingestellt werden sollen. Wie arbeitet die HMI? Es ist ein Strukturvertrieb bzw. MLM, also Empfehlungsmarketing.

    Wenn ein Vermittler der HMI nun durch Zufall einen Personaler einer XY Firma kennt. Ja glaubt ihr, dass er diesen nicht anspricht auf bAV? Sicher doch!

    Und das ist "noch" erlaubt? Vielleicht hätte man da einen Riegel vorschieben sollen. Aber gerade dadurch funktioniert das Geschäft des Empfehlungsmarketing. Also warum genau das im MLM verbieten, was das MLM antreibt.

    Der Fehler ist dabei, dass man den Personaler mit Provisionen daran teilnehmen lässt. Das war und ist verboten.

    Der andere Punkt: Personaler bzw. Entscheider einzustellen ist bis jetzt nichts verwerflich. Diese sind hauptberuflich in der XY Firma und nebenberuflich in der HMI tätig und verkaufen bAV-Verträge in ihrem Unternehmen.
    Was ist daran falsch? Rein gesetzlich nichts, weil es dagegen kein Gesetz gibt (soweit ich weiss).

    Und auch nur so motiviert man einen Entscheider in seinem Unternehmen Verträge abschließen zu können. Der Personaler wird wohl kaum für die ERGO sich entscheiden, wenn er nicht dafür profitiert.
    Wie kann der Personaler profitieren:
    Auf dem legalen Weg: Einstellen als Vermittler
    Auf dem illegalen Weg: Provisionsabgabe

    Was kann man dagegen tun?
    Ab sofort sollte es heißen: Keine Bankmitarbeiter, Versicherungsvertreter und auch keine Personaler einstellen.
    Bankmitarbeiter und Versicherungsvertreter dürfen nicht bei anderen Versicherung nebenberuflich arbeiten.

    Das es nicht wieder passiert ist somit nicht sicher. Aber somit gäbe es keine Gesetzeslücke.

  • Bei der Papenburg Bau soll die Ergo also 100x100 € Provision gezahlt haben. Das wären 10.000 € an verdeckten Provisionen. Verdeckte Provisionen sind aber rechtlich verboten und gewähren dem Kunden ein Anfechtungsrecht - s. OLG Stuttgart Urteil, oder?
    1. Haben die "verkauften" Papenburg Mitarbeiter von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch gemacht und ihre 100 € Kopfgeld zurückerhalten?
    2. Verlangt Ergo vom Papenburg Personaler die 10.000 € zurück?
    3. Was macht Ergo mit den Gewinnen aus diesen zumindest wohl anfechtbaren Geschäften?
    4. Müssten nicht eigentlich sämtliche Gewinne, welche aus Lebensversicherungen stammen, die mithilfe (s. OLG STU) verdeckter Provisionen vertrieben wurden, vom Staat eingezogen werden? Oder kommt die Kohle eher den geschädigten Versicherungsnehmern zugute? Finde, das ist eine wirklich diskutable Frage.
    Es kann jedenfalls nicht angehen, dass sich dieses rechtlich und moralisch unzulässige Vorgehen mangels Kontrolle wirtschaftlich so dermaßen lohnt.

    Ergo sollte mal nicht nur Versprechungen für die Zukunft machen, sondern auch eine Verstehensgarantie für die Bestandsverträge und die dabei abgeschlossenen Provisionen abgeben. Meine Meinung.
    Wird die Ergo auf den Gewinnen sitzen bleiben?

  • Mittlerweile warten sicher schon viele auf die Aufdeckung eines neuen Ergo-Skandals – nun steht also der Vorwurf der Bestechung im Raum. Laut einer Umfrage von Faktenkontor und Toluna will bereits jeder vierte Deutsche nicht mehr von Ergo-Vertretern beraten werden, da sie befürchten, nicht verbraucherorientiert beraten zu werden. Kann man an dieser Stelle schon von einem „Aufwachen“ sprechen? Sicher nicht, solange die provisionsorientierte Beratung in Deutschland existiert, werden die Vertreter wohl weiterhin im eigenen Interesse beraten. Die Honorarberatung muss endlich flächendeckend eingesetzt werden, dann ist jedenfalls mehr Verbraucherfreundlichkeit zu vermuten als bisher, da nur die Beratungsleistung an sich, nicht aber der Abschluss vergütet wird - doch der Staat stützt das bisher existierende Provisionssystem. Die Verbraucher sollten außerdem an ihrem Finanzwissen arbeiten, damit sie eben nur Verträge abschließen, die sie wirklich benötigen und auch verstehen.

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