Börsenkonsolidierung Deutsche Börse bleibt außen vor

Während die London Stock Exchange in Mailand zukauft, dringen die Aktionäre der Deutschen Börse auf Kostensenkungen. Durch den neuerlichen Druck der beiden größten Aktionäre der Börse – TCI und Atticus halten – sind Börsenchef Reto Francioni die Hände gebunden.
Die Fusionswelle rollt. Grafik: HB

Die Fusionswelle rollt. Grafik: HB

FRANKFURT. Totenstille herrschte beim jüngsten Investorentag der Deutschen Börse, als Großaktionär und Hedge-Fonds-Manager Chris Hohn das Wort ergriff. Was die Deutsche Börse unternehme, um die Kosten weiter zu senken, wollte der jugendlich wirkende Londoner Investor vom versammelten Vorstand wissen. "Die gefühlte Temperatur im Saal rutschte augenblicklich unter den Gefrierpunkt", schildert einer der Anwesenden des Treffens vom Freitag. "Den Auftritt fanden einige bei der Börse gar nicht lustig."

Ob Hohn, der 2005 das damalige Börsen-Management gestürzt hatte und seither für die Ausschüttung der Gewinne an die Aktionäre sorgt, mit der Antwort auf seine Frage zufrieden war, war bislang nicht zu erfahren. Hohn reagiert nicht auf Anfragen. Seine Botschaft ist dagegen angekommen. "Die Hedge-Fonds wollen, dass die Börse nach dem Milliardenkauf der US-Derivatbörse ISE so schnell wie möglich die Ausschüttungen aufnimmt", interpretierte ein Analyst Anwesenheit und Frage Hohns. Die Börse will die ISE für gut zwei Mrd. Euro übernehmen und hat die Ausschüttungen an die Anteilseigner dafür bis Mitte 2008 ausgesetzt.

Durch den neuerlichen Druck der beiden größten Aktionäre der Börse - TCI und der ebenfalls aggressiv auftretende Fonds Atticus halten zusammen rund 20 Prozent der Aktien - sind Börsenchef Reto Francioni die Hände gebunden. Er muss zusehen, wie die Londoner Börse (LSE) den ehemals von Frankfurt umworbenen Konkurrenten in Mailand schluckt. Entsprechend hieß es in der Präsentation zum Investorentag auch: "Unser Fokus liegt auf organischem Wachstum."

Trotzdem wird sich Francioni das Geschehen auf der europäischen Börsenbühne weiter genau anschauen. Während sich die Börsen New York (Nyse) und der Vierländerverbund Euronext zusammengeschlossen haben, die US-Technologiebörse Nasdaq die skandinavisch-baltischen Konkurrenten OMX übernimmt und London jetzt in Mailand einsteigt, ist Frankfurt in der alten Welt auf einzelne Partnerschaften angewiesen. Mit der Züricher Börse SWX betreibt Frankfurt die Terminmärkte Eurex und "Alex", mit den Wienern und Iren betreiben die Deutschen Aktienhandelssysteme. Bislang wehren sich diese Partner gegen eine Fusion; Grund sind auch die aggressiven Aktionäre um Hohn, denen die Manager der anderen Börsen gern aus dem Weg gehen.

Mit den Börsen Mailand und London wächst nun der größte Aktienmarkt Europas mit dem führenden Anbieter von börslichem Handel mit Staatsanleihen zusammen. Die Mailänder haben erst kürzlich die Option zur Übernahme der Mehrheit am Rentenhandelssystem MTS gezogen. Für die Londoner Börse bedeutet der Kauf der Italiener in gewisser Hinsicht einen Kulturbruch. Die Borsa Italiana ist ähnlich wie die Deutsche Börse strukturiert. Sie besitzt selbst die heimischen Marktführer für Abrechnung und Abwicklung (Clearing and Settlement) von Börsengeschäften. In den bislang gescheiterten Fusionsverhandlungen London und Frankfurt hatte diese "Silo-Struktur" der Deutschen stets als Hindernis gegolten. "Offenbar hat die LSE ihre Probleme mit diesem Geschäftsmodell nun angesichts der Möglichkeit, sich gegen die Nasdaq zu wehren, über Bord geworfen", sagte ein Analyst.

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