Branche im Umbruch: Lebensversicherungen werden zum Auslaufmodell

Branche im Umbruch
Lebensversicherungen werden zum Auslaufmodell

Die großen Versicherer in Europa stellen ein deutsches Erfolgsmodell infrage, die Lebensversicherung mit Garantiezins. In einem Interview mit dem Handelsblatt wandte sich der Finanzchef der Zurich, Dieter Wemmer, gegen eine Bevorzugung des Produkts im Rahmen des geplanten EU-Kapitalregelwerks Solvency II.
  • 2

FRANKFURT. Ein deutsches Erfolgsmodell gerät ins Wanken: die Lebensversicherung mit Garantiezins. 90 Millionen Lebensversicherungs-Verträge haben die Deutschen abgeschlossen. Sie glauben, dass dieses Modell zur Altersvorsorge ihnen einen entspannten Ruhestand garantiert. Doch die Zeichen stehen nicht auf Entspannung.

Im Interview mit dem Handelsblatt malt der Finanzchef eines der größten ausländischen Anbieter von Lebensversicherungen die Zukunft düster. Dieter Wemmer sitzt im Vorstand des Allianz-Konkurrenten Zurich, und er ist führendes Mitglied in einem Forum, zu dem sich die Finanzchefs der europäischen Versicherer zusammengefunden haben. Sein Credo klingt technisch: Deutsche Lebensversicherer dürfen im Rahmen des geplanten EU-Kapitalregelwerks Solvency II nicht bevorzugt werden. „Wir fordern einheitliche Spielregeln in Europa“, sagt Wemmer. Die Auswirkungen dieser Forderungen sind allerdings alles andere als technisch. Für die deutschen Versicherer bliebe kein Stein auf dem anderen. Für ihre Kunden auch nicht.

Wemmer trifft mit seiner Forderung den Nerv der heimischen Branche. Lebens- und Rentenversicherungen mit einer festen Garantie sind ihre Verkaufsrenner – trotz sinkender Zinsen. Mit Solvency II könnte das Produkt jedoch zu teuer werden, weil es zu viel Kapital kostet. Das hat folgenden Grund: Die Kapitalregeln, die vom Jahr 2012 an gelten sollen, orientieren sich am Risiko des Geschäfts – und hier liegt die Achillesferse einer Garantie, die im Extremfall ein halbes Jahrhundert gilt und damit ein fast unkalkulierbares Risiko darstellt. Bei so langfristigen Verpflichtungen wie einer Lebensversicherung finde der Versicherer kaum oder gar nicht die passenden Kapitalanlagen, um seine Versprechen abzusichern. Die Folge beschreibt Wemmer so: „Das Unternehmen trägt ein nicht abdeckbares Wiederanlagerisiko.“ Selbst Derivate deckten dieses Risiko nur teilweise – und seien teuer. Für Wemmer ist klar: „Die deutsche Lebensversicherung kann sich unter Solvency II nicht verstecken.“

Versicherer stellen Geschäftsmodell infrage

Einige Versicherer haben dies erkannt und zogen sich schon aus dem Markt zurück. So hat sich die niederländische Delta Lloyd, eine Tochter der großen britischen Aviva, bis auf weiteres aus Deutschland verabschiedet. Der zweitgrößte Erstversicherer Ergo, eine Tochter der Munich Re, hat eine alte Lebensversicherung, die Victoria, für Neukunden geschlossen. Andere überlegen, ob sie sich langfristige Garantien, wie sie in klassischen Lebensversicherungen ausgesprochen werden, noch leisten können und stellen ihr Geschäftsmodell grundsätzlich infrage. Uwe Luttka etwa, Vorstand des norddeutschen Nischenanbieters Itzehoer, sieht bereits den Druck auf kleinere Versicherer steigen, Fusionen einzugehen.

Seite 1:

Lebensversicherungen werden zum Auslaufmodell

Seite 2:

Kommentare zu " Branche im Umbruch: Lebensversicherungen werden zum Auslaufmodell"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • das ist schon verwegen. Jahrelang haben die Versicherer ihre Kunden mit hohen Leistungsversprechen und Steuervorteilen geködert und letztlich mit mageren Renditen abgespeist (KLV-Check sei Dank!). Dabei wurde der überwiegende Anteil der Kunden (50-70%), die ihren Vertrag vorzeitig kündigen mussten, auch noch mit herben Verlusten durch lächerlich niedrige Rückkaufswerte bestraft. Und nun, da die Garantiezinsen wegschmilzen und Steuervorteile verloren gehen - sprich sämtliche Kundenanreize entfallen sind - verlieren die Assekuranzen die letzten Hemmungen, ihre verbliebenen Kunden nach Herzen zu schröpfen, z.b. mit Einmal-Prämien-Geschäften zu Lasten der bestandskunden. Der Kampf vor Gerichten wird mit ungleichen Mitteln geführt, die Gesetzgebung unterstützt wie fast immer die Mächtigen (Versicherungen, Pharmaindustrie, banken, etc.).
    Will sich der Kunde wehren, muss er dies an der Wahlurne tun ;-)

  • Hier sollte doch das klassischz LV Geschäft der Zurich betrachtet werden,in dem die Verzinsung seit Jahren unter Marktschnitt liegt.Wenn das Anlagerisiko voll auf den Kunden abgewälzt wird, brauch dieser dann noch eine Versicherung die zusätzliche Kosten produziert ? Oder die der investmentgesellschaft weitergibt ? bU und Risiko werden ja nicht erwähnt.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%